Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 4 (18.1.1847)
- Date
- 1847-01-18
- Page
- Seite 54 (sequence 6)
- Language
- German
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54 rück. Wir sahen, der Mosaismus ging von Gott aus, und von diesem zur Welt und zum Menschen. Wie so vermag er dies? Weil ihm Gott ein geoffenbarter ist. Die Erkenntniß Gottes erlangt er nicht durch Spekulation, weil er sonst nothwendig vom Menschen zur Welt, und von dieser zu Gott gehen, und dann Ln die Phasen der heidnischen Religionen und Philofopheme sich verlieren müßte; sondern er weiß schon Gott, und von diesem gewußten Gott aus erkennt er die Wett und den Menschen; er weiß aber eben Gott, weil dieser sich selbst kund gethan. Der Mosaismus will Gott mit dem Verstände begreifen, daher sagt er unaufhörlich: „erkennet Gott" — aber er will ihn nicht erst mit dem Verstände finden, sondern hat ihn durch die Offenbarung erhalten. Die ganze Wahrheit des Mosaismus fordert also die göttliche Offenbarung, die ihm aber im Voraus durch die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott erklärt ist. Diese erklärt zugleich die Möglichkeit der Offenbarung, da sie schon dieselbe fordert. Würde ich, h. A., hier nicht bloß eine Geschichte des Zudenthums geben, sondern auch eine Beweisführung für dasselbe, so müßte ich eine Menge von Fragen, die sich hier auch vom s. g. rationellen Standpunkte aufdrängen, beantworten. Allein ich habe mich hier lediglich an die Geschichte zu halten, vielleicht beantwortet diese die noch übrigen Fragen in ihrem Verlaufe am Besten. Hier wollte ich nur die Nothwendigkeit der Offenbarung aus dem Mosaismus heraus erweisen. Der Raum einer Vorlesung zwingt mich, hier stehen zu bleiben. Wir haben uns heute die Lehre von Gott, wie sie der Mosaismus aufstellt, im Gegensatz zu dem im Widerspruche des Seins und Nichtseins befangnen Alterthum klar gemacht. Der Mosaismus proklamirte: 1) Gott als das absolute Sein, 2) die Welt seine Schöpfung, in welcher das allgemeine Sein stufenweise zur Besonderheit geworden, 3) Gott demnächst überweltlich, einzig und einig, unkörperlich, heilig, ewig, allgegenwärtig und allmächtig. 4) Den Menschen als die Einheit des Leiblichen und Geistigenim Geiste Gott ebenbitdlich, mit der Bestimmung, Gott immer ähnlicher zu werden, frei und sich selbst bestimmend, mit der Möglichkeit der Sünde; 5) daher Gott unmittelbar zum Menschen, indem er dessen Geschicke zur Vervollkommnung leitet, seine Handlungen richtet, deren Folgen eintreten läßt, aber die Schuldhaftigkeit dem Reuigen aufhebt, und ihm die Wahrheit geoffenbart hat. Dies ist die religiöse Idee, wie sie der Mosaismus in die Welt gebracht hat, und wie sie seitdem die Menschheit immer mehr trotz fortwährendem Gegensatz sich erobert: die Einheit Gottes, die Einheit der Welt, die Einheit des Menschen, die Mittelbarkeit Gottes zur Welt durch die Naturgesetze, die Unmittelbarkeit Gottes zum Menschen durch Vorsehung, Gericht und Offenbarung. Zeitungsnachrichten. Die Schweiz. Aus dem Aargau, 20. Dezember. (Privatmitth.) Die Schweiz, das Land der großartigen Naturmerkwürdigkeiten, mit seinen majestätischen Alpen, seinen herrlichen Gauen und Thälern, das Land, wo so vielen europäischen Ländern der Segnungen ohne Zahl entquellen, dieses Land har frühe schon Israeliten gelockt, daß sie daselbst ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Zu Vespasian's Zeiten schon sollen Juden nach Helvetien gewandert sein, was aber nicht mit Gewißheit behauptet werden kann. Die Urkunden, welche die Existenz der Juden in der Schweiz beweisen, gehen bis in's dreizehnte Jahrhundert. Es wohnten nämlich Juden zu Zürich, Bern, Basel, Luzern, Schaffhausen, Appenzell, St. Gallen, Winterthur, Biel, Uverdon und Genf, zu Bremgarten, Mellingen, Baden, in Graubündten und im Thurgau — bis die Katastrophe des Jahres 1349 über sie hereinbrach und aus dem Lande vertrieb was nicht dem Martertode preis gegeben wurde. Dem Schweizerstädtlein Zosingen im Aargau gebührt die schreckliche Ehre, den Schwindel der Brunnenvergistung auf's Tapet gebracht zu haben. — Heut zu Tage ist die Zahl der Juden in der Schweiz sehr gering und sie leben daselbst zerstreut in den verschiedensten Gegenden. Es wohnen Juden in Basel, Bern, Zürich, St. Gallen, Genf, Lausanne, Vivis, Uverdon, Avenches, Locles, Lacheaudefonds, Neufchatel, St. Jmier, Porrentruy; die Meisten aber wohnen zu Endingen und Lengnau im Aargau. Und weil die Schweiz in Beziehung der Lage ihrer verschiedenen Gegenden, des Charakters und der Sittm ihrer verschiedenen Bewohner, ein so vielfarbiges Gebilde der verschiedensten Variationen von Verfassungen und Gesetzen, darum bietet auch die bürgerliche Stellung der Juden in diesem Lande