Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 4 (18.1.1847)
- Date
- 1847-01-18
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
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53 kommen unter den materiellen Folgen der Verbrechen der Eltern leiden. Die Eltern leben ausschweifend und erzeugen ein Geschlecht, das den Keim der Schwäche, des Todes mit sich zur Wett bringt; des Ehrlosen Schandthat drückt auf das Geschick der Kinder auf allen Seiten; der Verschwender hinterlaßt den Erben Luft; Ludwig XVI., ein braver Mann, muß für die Sünden seiner Vorgänger das Haupt auf die Guillotine legen. Also die Wirklichkeit spricht für den kräftigen Ausspruch des Mosaismus. Man wird sagen: ja, das ist natürlich, d. h. die materiellen Folgen treten unmittelbar auf die Sünde ein, und Gott läßt diese Folgen in seiner Lenkung der Menschengeschicke in der That eintreten. Gut, das ist die Lösung. Gott laßt als Richterauf die Sünde die Folgen eintreten, und so Nichts ungeahndet. Aber die Sünde ist nicht bloß materielle That; sie ist auch die Beziehung der Seele zu Gott; sie hat die Annäherung der Seele zu Gott gestört, Hintertrieben; so ist es die Barmherzigkeit Gottes, welche dies für die Reuigen wieder aufhebt, die Schuldhaftigkeit vergiebt, die Störung tilgt, die Seele des Sünders wieder zu sich bringt. So spricht also der Mosaismus aus, daß Gott als Richter Nichts ungeahndet, und die Folgen der Sünde eintreten läßt, daß er aber die Schuld in seiner Barmherzigkeit vergiebt, und die Seele des Sünders wieder zu sich bringt. Diese Unmittelbarkeit Gottes zum Menschen findet aber im Mosaismus seine wahre und wesenhafte Stützung. 3) darin, daß Gott sich offenbaret hat. Der Mosaismus setzt diese Offenbarung Gottes überall voraus; er leitet sie meist ganz einfach durch ein 'in ‘"lE&n „Gott sprach" ein; dann giebt er sie geschichtlich, indem er von ihr berichtet; aber er ist auch derselben im Fortschritt ganz bewußt, denn nicht allein, daß er geradezu sagt: „Vom Himmel her hat er dich seine Stimme hören lassen, um dich zu unterrichten/' so giebt er auch z. B. im 12. Kap. des 4. B. vollständigen Aufschluß über die verschiedenen Arten der göttlichen Offenbarung, und stellt anderwärts die Bedingungen für eine solche auf, nämlich daß sie Nichts enthalte, was dem gegebenen Begriffe von Gott widerspräche, z. B. die Erscheinung Gottes in irgend einer Gestalt, die Lehre von mehren Göttern. Von vorn herein ist nun dem zu begegnen, daß man im Geiste des Mosaismus nicht etwa den Begriff der „Offenbarung" verfälschen oder verflachen möge. Der Mosaismus versteht allerdings darunter: einmal die Verkündigung der allgemeinen Grundsätze an das Volk, dann die Einwirkungen Gottes auf die Vorstellungen und Erkenntnisse der berufenen Männer. Das Wesentliche ist aber, daß die göttliche Offenbarung im Mosaismus nichts Zufälliges, keine gewählte Einkleidung ist, ein Gewand, das man ihm nach Belieben abnehmen könne, ohne daß ec dadurch am Inhalt verliere. Man steht die Offenbarung im Mosaismus gewöhnlich nur als den modus reruni narrandarum an, als die Art der Berichterstattung, die auf den Inhalt und dessen Wahrheit keinen Bezug hat. Dem ist nicht so, sondern die Offenbarung ist im Mosaismus ein integrirender Theil, der Eckstein. Wenn Gott dem Menschen einen ihm ebenbildlichen Geist gegeben, darum die Bestimmung, ihm immer ähnlicher zu werden, darum die Freiheit und Selbstbestimmung, darum die Möglichkeit des Gegentheils jener Bestimmung: so muß er der Menschheit auch die Wahrheit eröffnen, weil sie ohne diese in ewiger Irre, ohne jemals ihre Bestimmung zu erfüllen, sich ergehen, und zuletzt zur Trostlosigkeit und Verzweiflung kommen würde, wie dies das offenbarungslose Alterthum erwelst. Nur daß die Menschheit ihre eigenen Phasen ebenfalls durchmachen, das erreichen soll, was sie für sich erreichen kann, und sich überhaupt zur Annahme der Wahrheit frei entwickeln mußte, weshalb die Offenbarung nicht sofort an die gesammte Menschheit erging, sondern an ein einzelnes, hierzu erzogenes Völkchen. Der Mofaismus, mit Voraussetzung dieser Argumentation, sieht nun die Offenbarung als die vollendete Unmittelbarkeit Gottes zum Menschen an. Gott wäre, wenn er nur die Schicksale der Menschheit leitete, und die Handlungen der Menschen richtete und die Sünde vergäbe, doch nur theilweise unmittelbar; denn auch hierin könnte, wie bei den übrigen Geschöpfen, nur eine Gesetzlichkeit, und zwar höherer Art erkannt werden. Da aber Gott, weil er den Menschengeist ebenbildlich gemacht, diesem vollkommen unmittelbar sein muß: so muß ec auch aus unmittelbare Weise ihm die Wahrheit eröffnet haben. Gott ist erst unmittelbar zum Menschen durch die Offenbarung und innerhalb derselben. So ist diese nicht blos ein modus, sondern ein integrirender Theil der Lehre, deren eigentlicher Kern die Unmittelbarkeit Gottes zum Menschen ist. Daß Gott die Schicksale der Menschheit leitet, und die Handlungen der Menschen richtet, ist erst erklärt und erwiesen dadurch, daß er ihm auch die Wahrheit unmittelbar geoffenbart hat. Im andern Falle wäre Jenes nur vorausgesetzt und angenommen. Wir kehren auch hier am Schluffe zum Anfang zu-