Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 2 (4.1.1847)
- Date
- 1847-01-04
- Page
- Seite 20 (sequence 4)
- Language
- German
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20 unb in wesentliche Gestaltung eindringen können. Wir haben so, verehrte Anwesende, das Judenthum als ein Mitten in der Menschheit für sich bestehendes, lebendes, sich in sich entwickelndes Ganzes betrachtet. Aber könnte es dies allein sein? Im Bereiche der Menschheit kann Nichts bloß für sich leben. Es wäre als ob Kopf, Magen, Arm, Bein für sich bestehen wollten. Denn die ganze Menschheit ist doch nur ein ganzer, einheitlicher Organismus. Eines muß auf das Andere wirken. Worin Wahrheit ist, worin eine Wahrheit lebt, da muß auch diese Wahrheit aus ihm heraus in die Menschenwelt kommen und sich darin geltend machen. Wir haben schon aus dem Bestände des Judenthums gefolgert, daß es Gegensatz ist) nun so mußte dieser Gegensatz aus sich heraus auf die Welt wirken, es mußte eine Strömung auf die Welt zu gewinnen, es mußte die Welt sich zu erobern suchen, ob es ihm gelänge oder nicht. Und die Geschichte zeigt uns, daß dies geschehen. Alle Welt weiß, daß aus dem Judenthum das Christenthum hervorgegangen, daß aus Beiden wieder die Religion Mohameds sich abgeleitet hat. Die Idee des Judenthums, oder besser der ideelle Inhalt des Judenthums suchte sich so zuerst Bahn in die gesammte Menschenwelt zu .brechen. Hier ergeben sich aber zwei Folgerungen. Zuerst: was im Judenthume nur zu seinem individuellen Bestände gehörte, das mußte es für sich behalten, das konnte es der allgemeinen Welt nicht übergeben. Und zweitens: die Welt konnte vom Judenthume nur so viel entnehmen, als sie nach der damaligen Zeit brauchen konnte, und mußte dies wieder für sich nach gegebenen Verhältnissen, unabhängig vom Judenthume, entwickeln. Das Judenthum behielt daher fowol sein Spezifisches, als auch noch einen großen Inhalt für die Zukunft, da es nur einen Theil abgegeben. Die Einwirkung des Judenthums auf die Welt war und ist demnach noch nicht abgeschlossen, weil es sonst nicht länger zu bestehen gehabt hatte. Das Judenthum hatte demnächst einen doppelten Beruf, einen Theil seiner Wahrheit in sich für die Menschheit zu erhalten, und andern Theils seine Wahrheit an die Welt abzugeben. Beides bedingt aber einen doppelten Kampf, gegen die zerstörende Welt und gegen die widerstrebende Welt. Und dies ist denn der eigentliche Charakter der Geschichte des Judenthums, und insbesondere der Geschichte der Judenheit, des jüdischen Stammes. Der Kampf der Idee mit der Wirklichkeit. Der jüdische Stamm hatte diesen Kampf zuerst in sich selbst, dann aber gegen die Welt auszukämpfen. Der jüdische Stamm als Träger des Judenthums mußte zuerst mit sich selbst kämpfen, um sich seinem Berufe hinzugeben; dann aber mit der Welt kämpfen, die ihm diesen Beruf nicht zugestehen, und es als einen Gegensatz enthaltend überhaupt nicht dulden wollte. Aber gerade dieser Kampf mußte ihn erhalten, so schwere Geschicke er ihm auch bereitete. Unter diesem Gesichtspunkte erscheint aber die Geschichte der Judenheit ganz anders, als man sie bisher ansah. Man sah nur auf die Wunden und Schläge, die sie in diesem Kampfe erhalten, auf das Blut, das vergossen, auf die Scheiterhaufen, die ihr angezündet worden. Man sah andrerseits nur auf die Fehler und Gebrechen, welche die Judenheit unter dem Druck einer ganzen Welt annchmen mußte. Ganz anders erscheint diese Geschichte nunmehr, nämlich als die glor- und ruhmreichste in der Menschenwelt. Die Judenheit trug den Kampf der religiösen Idee gegen die Wirklichkeit. Als solches litt, als solches siegte es. Jeder Blutstropfen war ein Sieg, jeder Scheiterhaufen eine Siegesfackel. Ein kleiner Menschenstamm stand einer Welt gegenüber mit der Idee, um die Idee, für die Idee, und wich nicht. Das ist das Glänzendste, das Erhebendste Ln der Menschenwelt. Und von diesem Gesichtspunkte aus werden wir die Geschichte der Judenheit betrachten. Wir haben uns hiermit die Pforte erschlossen, durch die wir nunmehr in das Innere eintreten werden. Zeitungsnachrichten. Amerika. Netv-Nork, 30. November. (Privatmitth. des Oberrabb. L>r. Lilienthal.) *) Wer sich die Entwickelung des Judenthums in den vereinigten Staaten Nordamcrika's ansieht, kann nur von dem innigsten Danke gegen Gott, und der innigsten Freude für seine Glaubensgenossen durchdrungen sein. Ueberall, wohin man den Blick in der Union wendet, erblühen neue Gemeinden; überall entstehen Gotteshäuser, die dem *) Die interessanten Art. in No. 38. 39. 40. 41. des vor. I. aus New-Dork sind nicht von demselben. N e d a k c.