Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 11 (1847)
- Issue
- Heft 2 (4.1.1847)
- Date
- 1847-01-04
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 rabbinischen Standpunkt streng behaupten, völlig als Juden anerkannt sind, so daß z. B. Verheirathung, Theilnahme an den Kultushandlungen durchaus nicht gestört wird — was den wirklichen Bestand eines Andern, eines Neuen faktisch erweiset. Aber auch ohne diesen faktischen Beweis geht das Vorhandensein einer neuen Epoche des Judenthums aus den vorhandenen Ursachen hervor. Mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts begannen die Juden aus der geistigen Abgeschiedenheit, in der sie seit einem halben Jahrtausend mit geringen Ausnahmen gelebt, herauszuschreiten und die allgemeine Geistesbildung sich anzueignen. Mit dem Ende des vorigen Jahrhunderts wurde angefangen, den Juden die Pforten des bürgerlichen Lebens zu öffnen, wurde in mehren Staaten gänzlich, in mehren rheilweife die Gleichstellung gesetzlich. Nach beiden Richtungen hin machten die Juden nach Verhattniß des Zeitraums riesenhafte Fortschritte. Sie eilten in einem halben Jahrhundert den anderen Völkern auf einem Wege nach, zu dessen Zurücklegung diese ein halbes Jahrtausend gebraucht. Beides aber mußte auftösend auf den bisdasigen religiösen Zustand, auf den talmudisch-rabbinischen Standpunkt einwirken. Das bürgerliche Leben gestaltete die Erwerbszweige der Juden gänzlich um, und brachte fo den mannigfaltigsten Konflikt des formal-religiösen Lebens mit dem bürgerlichen und gewerblichen Leben herbei. Und die freie Geistesentwickelung untergrub den Autoritätsglauben, und verlangte nach Grund und Wesen dessen, was bis dahin absolut gegolten. So konnte und kann es gar nicht anders sein, als daß sich ein Anderes, ein Neues im Judenthume erzeugte. Ja, diese Bedingungen seines Entstehens müssen eine wesentlich neue Phase voraussetzen lassen. Denn wenn die Juden zuerst als Volk, dann unter den Völkern gelebt: so leben sie jetzt mit den Völkern, aufgegangen in das bürgerliche und politische Leben der Völker. Eine solche Zeit hat der jüdische Stamm bis dahin noch nicht durchlebt. Welche wesenhafte Umgestaltung das Judenthum dadurch nchmen werde, laßt sich bis jetzt nur leise voraussolgern, und werden wir dies spater versuchen. Hier nur einige Beobachtung über den bisherigen Gang. Das neuere Judenthum hat, wie es in der Natur der Sache lag, umgekehrt denselben Weg genommen, wie das Judenthum überhaupt. Es sing beim Talmudismus an, und ließ diesen als vollgültige Norm des Lebens bestehen, daneben aber die freiere Entwickelung der Idee anerkennend. Dies war der Standpunkt Mendelssohns. Derselbe sprach dem Judenthum völlig freies Bewußtsein zu; das Judenthum sei die Religion der Erkenntniß, aber zugleich die völlige Beschränkung des Lebens durch das traditionelle Gesetz. Ein solcher innerer Widerspruch konnte nicht lange bestehen. Oie Idee verlangt stets nach der Wirklichkeit, und kann in dieser nicht ihren Gegensatz dulden. Die Idee frei, das Leben gebunden hinzustellen ist Willkür. Man ging daher bald vom Talmudismus zum Prophetismus zurück. Man hielt sich lediglich an die Lehre von Gott und der allgemeinen Sittlichkeit, die der Prophetismus ausspricht, und indem man von diesem wieder Alles, was seine Zeit und sein Verhältniß zum Volke Israel betraf, abstreifte: verfluchtere man bald das ganze Judenthum zu einigen allgemeinen Lehr- und Sittensprüchen. Allerdings war hierin viel frommer Selbstbetrug. Denn man beharrte bei der Behauptung des Positiven, ohne das Geringste davon beizubehalten; selbst die dem Prophetismus zu Grunde liegende Idee der Offenbarung ließ man im Halbdunkel verschweben. Aber bald that es sich kund, daß hierdurch in das Judenthum ein vollkommner Widerspruch gekommen war. Die Idee des Judenthums, wie man sie faßte, und die Wirklichkeit des Judenthums standen sich schnurstracks gegenüber. Zwar fing man an zu reformiren; und der nächste, weil neutrale und öffentliche, Gegenstand dieser Reform ward der Gottesdienst. Viel Segensreiches geschah hierin, da doch am Ende über der Entwickelung der Religion nicht die Religiosität in den Individuen vergessen werden darf, und für diese Schule und Gottesdienst am Wirksamsten sind. Allein alles dieses kann noch keine Versöhnung jenes Widerspruchs genannt werden. Man hat daher in der neuesten Zeit abermals einen Schritt zurückzugehen begonnen, man kehrte zum Mosaismus zurück. Man ist zu der Erkenntniß gekommen, daß auf diesem Boden allein die Regeneration des Judenthums möglich ist. Man verstehe uns wohl, nicht, daß man zum Mosaismus, so wie er im Buchstaben dasteht, zurückkehre, dies wäre eine Unmöglichkeit, weil ganz andere Bedingungen vorhanden sind, und eine über dreitausendjahrige Entwickelung dazwischen liegt. Aber der Mosaismus ist es, der den eigentlichen positiven Gehalt des Judenthums enthält; und es kommt daher darauf an: die festen und sicherenJdeen desMosaismus zum klarenBewußtsein zu bringen, und zu erfahren, wie diese unter den Bedingungen des gegenwärtigen Lebens in die bestimmte Erscheinung