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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1847-01-04 · Heft 2 (4.1.1847) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
11 (1847)
Issue
Heft 2 (4.1.1847)
Date
1847-01-04
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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18 desselben, in das Heidenthum, andrerseits griff es die Form, den Kultus, den Lpferdienst, auf, und machte ihn zur inhaltslosen Werkheiligkeit. Da erstand der Prophetismus. Seine Richtung ist: das Drangen aus Ausführung des wahrhaften Mosaismus. Aber schon konnce er das Leben nicht mehr retten, und sein Bestreben ging daher dahin, die Idee zu retten. Der Prophetismus selbst spaltete daher schon die Idee vom Leben, die Lehre vom Gesetz, die im Mosaismus die höchste Einheit waren. Der Prophetismus griff nur die Lehre auf, und schweigt über das Gesetz. Daher ist der Prophetismus eine Entwickelung des Mosaismus, aber nur eines Theiles desselben, nämlich der Lehre von Gott und der allgemeinen Sittlichkeit. Götzendienst und moralische Verbrechen, das sind seine Feinde. Von der einheitlichen Verwirklichung der Lehre durch das Leben, und insbesondere vom sozialen Menschen handelt er unter den Stürmen der Zeiten, und unter den gegebenen Verhältnissen gar nicht. Gerade die entgegengesetzte Richtung schlug die dritte Phase des Judenthums ein: der Talmudismus. Das Volk war in die Verbannung nach Assyrien und Babel gegangen; ein Th eil kehrte zurück. Dieser Theil war aber, vom Standpunkt des Mosaismus, der Kern des Volkes, diesem treu zugewandt. Das Unglück, die Schwache erhöhete diese Treue. Aber die Natur, das urkraftige Lebenselement des Volkes war geschwunden; es war ein zweites Leben, kein unmittelbares, ursprüngliches, naturwüchsiges. Der Geist war schwach in ihm, wenn auch nicht tzer Wille. Dies beweisen die wenigen Schriften aus dieser Zeit, dies beweiset das Stillschweigen über ganze Jahrhunderte, die somit aus der Geschichte des jüdischen Volkes geschwunden sind, und wo erst mit der Makkabäer Zeit, also fast vier Jahrhunderte spater, neues Leben erwachte. Auch hier machte sich die Spaltung zwischen Idee und Leben geltend, aber diesmal erlag die Idee, die man an sich stehen ließ, und der Rigor wandte sich nur dem Leben zu. Man faßte daher den Mosaismus gerade am andern Ende wie der Prophetismus. Man entwickelte das Gesetz als eine absolute Norm des Lebens, nicht aber als Verwirklichung der Idee. Das Gesetz gilt. Warum und wozu? sind nicht gestattete Fragen. So hob man öfters geradezu oder durch Umgehung den Kerngedanken eines mosaischen Gesetzes auf, z. B. den Erlaß der Schulden im siebenten Jahre, wahrend man aufs Sorgfältigste die Früchte bestimmte, die in diesem Jahre benutzt werden dürfen. Unterdeß endigte auch die zweite Lebensperiode der Judenheit, das Volk ging in die Zerstreuung, aber die empfangne Richtung nahm es mit sich. Aus diesen Elementen erstand der Talmudismus. Er hatte einen dreifachen Gegenstand: die unbedingte Autorität des mosaischen Gesetzes, die Volkssi'tte, wie sie sich traditionell ausgebildel und überliefert hatte, und die Hindernisse, welche die Entfernung des Volkes aus Palästina der Ausführung des jüdischen Lebens darbot. Mit eigenthümlicher, in seiner Art einzigen Kraft des Geistes verarbeitete der Talmudismus diese drei Momente, und sein Inhalt ist demnächst: erstens die Ausarbeitung des mosaischen Gesetzes vom formalen Standpunkte bis in die äußerste Folgerung und kasuistische Konsequenz; zweitens das Hineinarbeiten dessen, was das Volksleben selbstständig als Sitte hervorgebracht hatte, in den Buchstaben des mosaischen Gesetzes, um sie durch diesen zu decken; drittens die Ueberwindung der, durch die Entfernung des Volkes aus Palästina bereiteten Hindernisse durch Analogie mit dem mosaische Ge« setze. Der Talmudismus reicht weit über den Abschluß des Talmuds hinaus, indem der Rabbinismus sein theilweiser Fortbildner ward. Dies sind die drei großen abgeschlossenen Epochen des Judenthums. Allerdings war auch das Leben des Judenthums auf diese drei überwiegenden Gestaltungen nicht beschrankt. Neben dem Prophetismus stehen die s. g. Hagiographen als eigenthümliches Lebensprodukt, neben dem Talmudismus der Midrasch und die Kabbala, neben dem Rabbinismus die aristotelisch-arabisch-jüdische Philosophie. — An diese drei Epochen schließt sich nun das Judenthum in der Neuzeit an. Sie werden schon aus dieser Bezeichnung entnehmen, daß es demselben noch an einer wesenhaften Benennung fehlt, was hinwiederum auf den Mangel eines schon bestimmten Charakters schließen ließe. Aber es ist weit davon entfernt, daß ihm dies ein Vorwurf sein kann. Wir haben hier allerdings erst ein Werdendes, ein sich Herausarbeitendes, was im Voraus abzuschließen und zu beschranken einseitig wäre. Daß aber ein Neues, ein Anderes im Judenthume wird: dafür liegt der Beweis offen dar. Wir sehen einerseits, daß der Rabbinismus nichts mehr produzirt, völlig abgeschlossen ist, und dennoch im Gebiete des Judenthums ein sehr reges Leben vorhanden ist. Wir sehen andrerseits, daß eine sehr große Zahl der Juden, mit vollem Bewußtsein Juden zu sein und Juden zu bleiben, sich außerhalb des talmudischen Gesetzes gestellt haben; ja wir sehen, daß diese Juden von denen, welche den talmudisch-

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