Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1846)
- Date
- 1846-12-21
- Page
- Seite 760 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225496--08232-3239039- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
760 Bescheid voraus wissen kann, ist man hier gar nicht darauf gespannt. Siebenbürger Grenze, im Dezember. (Privatmitth.) Es wird Ihnen wie jedem Leser sicherlich auffallend erscheinen, und schwerlich wird mich Jedermann dafür entschuldigen, daß bei dem traurigen Zustande aller öffentlichen Verhältnisse meines Vaterterlandes, bei dem erwachten Bewußtsein der niedrigen Stellung, die es in der Reihe der europäischen Länder einnrmmt, bei dem eifervollen und begeisterten Streben aller gutgesinnten, zu dessen Emporblühen aus allen Kräften mitzuwirken, ein siebenbürger Edelmann, folglich geborner Gesetzgeber, einen Theil seiner Zeit auf Korrespondenzen in auswärtige Blätter und gar über jüdische Angelegenheiten verwendet. — Es hat aber bei mir seine doppelte Begründung. 1) Habe ich mich während meiner früheren Studien, die nach dem Plane meiner Aeltern mich zum Geistlichen bilden sollten, mit vielem Eifer der jüdischen Sprache und Geschichte gewidmet, und frühzeitig jene Ehrfurcht, die mir die erhabenen Gestalten der jüdischen Erzväter, ihre schmuck- und anspruchlose Gesinnung, der Adel ihrer Thaten und das frohe Bewußtsein der menschlichen Würde einflößten, auf ihre wohl bedeutend entartete, aber mit Unrecht verachtete Nachkommenschaft übertragen, und jedes Buch, das über sie handelte, jede Novelle und dramatische Arbeit, die auf sie Bezug hat, ja jede Anekdote, worin eines Juden gedacht wird, hatte für mich das lebhafteste Interesse. 2) Hatte ich vielfache Gelegenheit auf meinen Reisen in Deutschland und dem Westen Europas, von denen ich eben in mein Vaterland zurückkehre, geleitet von meiner oberwähnten Vorliebe, mit dem jetzigen Zustande der Juden, ihren Wünschen und Befürchtungen, ihren Aussichten in gesetzlichen und gesellschaftlichen Beziehungen mich bekannt zu machen, und konnte ich auch meine frühzeitig erworbene Ueberzeugung, daß ein Staat nur durch die Einheit der Sprache und der Religion seiner Bestimmung schnell entgegenreifen könne, nicht aufgeben, lernte ich doch einsehen, daß gegebene Verhältnisse sich gewaltsam nicht mehr umändern können, daß es vielmehr Aufgabe der Gesetzgebung sei, alles Bestandene zum Wohle der Gesellschaft dienstbar zu machen, die vorhandenen Kräfte nicht nur nicht zu zersplittern und auf Seitenwege abzuleiten, sondern sie Alle in einen Brennpunkt der ungetheilten Liebe zum Vaterlande zu konzentriren; und daß besonders die Juden in allen Ländern, die ich besuchte, selbst da, wo man gegen sie christlich zu handeln nicht für christliche Pflicht hält, dennoch an Treue und Liebe zum gemeinschaftlichen Boden keiner andern Genossenschaft Nachsicht, vielmehr auf allen Feldern des menschlichen Strebens sich viele Verdunste erworben, und ausgezeichnete Geister aufzuweisen haben: und dadurch entstand in mir der Wille, der jüdischen Bevölkerung meines kleinen Vaterlandes meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken, und das diene zur Erklärung meines jetzigen Vorhabens. Vor Allem glaube ich es für nöthig erwähnen zu müssen, daß so oft von Siebenbürgen die Rede ist, man stets Rücksicht auf Ungarn nehmen müsse, da beide Geschwisterländer ähnliche Schicksale theilten, von einander innigst influentirt waren, wie auch immer eine Literatur hatten, und dies Verhältniß hat beim Erstarken der ungarischen Literatur, besonders aber der Journalistik, beim gleichzeitigen Erwachen des Dranges auf Reformen um so mehr zugenommen, da die Mängel da wie dort dieselben stets waren, die meisten bedeutender, Grundherren des einen zugleich Grundherren des andern Landes sind, die adeligen Rechte gleichlautend, und ein Adelbrief stets für beide Länder gleiche Kräfte hat, zudem durch Handelsverbindungen, Verschwägerungen auch die Mittelklasse vielfache Berührungspunkte hat. Ungarn, als der ältere und stärkere Bruder, geht zwar immer voran, da die Anregungen von außen dort früher verspürt werden, etz währt aber nie lange, so taucht dieselbe Frage auch in Siebenbürgen auf, wird mit denselben Argumenten unterstützt und angefeindet, und erzeugt auch dieselben Resultate. Ich wollte nun gerne die Zustände der hierländischcn Israeliten wie ihre Geschicke unter den einheimischen und habsburgischen Regenten beleuchten; doch erfordert die Arbeit mehr Muße, und würde auch zu viel Raum einnehmen, als wie viel mir jetzt zu Gebote steht, daher ich diese Arbeit auf ein anderes Mal verschiebe, und nur Einiges über ihre nächste Zukunft und über ihre Lage Ihnen mitzutheilen mir die Freiheit nehme. — In einem Lande, wo die Munizipalverfassung so ausgebildet, wie in beiden ungarischen Ländern, ist