Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 52 (21.12.1846)
- Date
- 1846-12-21
- Page
- Seite 756 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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756 „Aber während die Substanz unsrer Religion stets dieselbe geblieben, haben die äußeren Formen oft gewechselt. Bei den Patriarchen beschränkt sich Alles auf Erinnerungen, Gefühle und eine Familientradilion. Die Religion, wenn man sich so ausdrücken darf, war ein Theil der Erbschaft, welche der Water seinen Kindern übergiebt. Später gab uns Moses einen nationalen Kultus, gestützt auf Feste, Opfer, Zeremonien, welche nur in der heiligen Stadt und durch die erbliche Priestcrschaft der Söhne Ahrons gefeiert werden konnten. Um die Prinzipien, die er seinem Volke übergab, unberührt und rein von aller Vermischung zu bewahren, in der Mitte der Finsternisse der Vielgötterei, sah sich der Gesetzgeber der Hebräer genöthigt, sie mit einem dreifachen Wall zu umgeben. Dies erklärt uns die, oft so schlecht ausgelegte, Verschiedenheit, die seine politischen Institutionen, von seinen moralischen und religiösen Ideen trennt. Mehre Jahrhunderte später, als Gottes Hand uns über die Oberfläche der Erde zerstreut hatte, ersetzten Gebet und Fasten die Opfer; fromme Uebungen, uns die schrecklichsten Augenblicke unsrer schmerzensreichen Geschichte zurückrufend, uns mit der Hoffnung einer bessern Zukunft ermuthigend, und uns zum Vereinigungspunkt dienend mitten im Sturme, wurden an die Stelle der alten nationalen Feierlichkeiten gesetzt; unsre Betplätze wurden Schulen, wo, in Abwesenheit der Priester, unsere Lehrer auftraten." „Gegenwärtig, d. h. seit einem halben Jahrhundert, hat eine neue Zeit begonnen, nicht allein für uns, sondern für die Mehrzahl unserer Brüder aller Länder. Die Stimme der Humanität und Gerechtigkeit macht sich überall Raum. Folglich werden neue Aenderungen erwartet, ja mit Ungeduld verlangt in unscrm Kultus. Die Gebete des Sklaven, seine Fasten, seine Thränen passen nicht für den freien Mann. Die Hoffnungen des Geächteten haben keinen Sinn im Munde dessen, der den Himmel des Vaterlandes über seinem Haupte leuchten sieht, und eines Vaterlandes, wie unser vielgeliebtes Frankreich. Endlich, diese Uebungen, von denen ich gesprochen, Erinnerungen und Symbole unsrer alten Unterdrückung, stimmen nicht mehr mit unsrer Erziehung und unseren Sitten überein, noch' mit dem Stolze des Bürgers." „Täuschen Sie sich nicht, Herr Großrabbine, über I die Absicht dieser Worte: wir sind die Dolmetscher einer viel religiöser» Generation, als man denkt; aber sie will, daß die Form, wie das Wesen der Religion, mit der Wahrheit übereip» stimme, das heißt, mit dem wäs sie fühlt, mit dem was sie versteht, mit dem was sie ist. Indem wir Sie mit den Wünschen und der Stellung ihres Geistes bekannt machen, ich muß hinzufügen, mit ihren Hoffnungen, glauben wir die heiligste unserer Pflichten erfüllt zu haben. Sie werden auch die Ihrige begreifen, wir sind dessen sicher; Sie werden den Stamm und die Wurzel unsres Glaubens nicht untergeben lassen, indem Sie einige Schmarotzeräste (branches parasites) zu retten suchen. In dieser Ueberzeugung, Herr Großrabbine, installire ich Sie in Ihre neue Würde, in dieser Ueberzeugung geschieht es, daß wir uns zu den Danksagungen vereinigen, die wir bei dieser Gelegenheit an Gott richten." Eine tiefe Bewegung brachte diese, nicht ganz erwartete, mit wahrer Energie vorgetragene Rede hervor. Es fblgten einige Gesänge, worauf der neue Großrabbine des Zentralkonsistoriums die Kanzel betrat, und mit bewegter Stimme folgende, allerdings die Prinzipien wenig klar aussprechende Rede sprach. tSchluß folgt.) —. Die neuliche Bekehrung eines Unteroffiziers zu Bordeaux zum Judenthum (No. 47.) hat eine heftige Polemik zwischen dem Horrors catboligno und Univ. israelite zur Folge gehabt, in der das jüdische Blatt offenbar in großem Vortheil ist, obgleich es sich sehr mäßig hält und sich für das orthodoxe Christenthum sehr besorgt zeigt. Palästina. Berlin, im Dezember. Ein soeben erschienenes Werk des Lizent. Strauß, der vor Kurzem aus Jerusalem zurückgekehrt ist, berichtet auch über die Juden in Jerusalem Interessantes, worauf wir bald zurückkommen werden. Ersagt geradezu, daß die Bekehrungen unter den Juden in Jerusalem durchaus keinen Fortgang haben, trotz den Unterstützungen von höherer Hand. Aus den Mittheilungen über die Verhältnisse der Juden in Jerusalem kann man die wichtige Stellung ersehen, welche sie dort behaupten, indem sie z. B. nicht weniger als 36 Lehranstalten haben, und unter ihren Rabbinern