Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1846)
- Date
- 1846-11-30
- Page
- Seite 719 (sequence 11)
- Language
- German
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719 Tempel zogen, dessen Schiff sie füllten, um sich durch eine Andacht zum neuen Schuljahr zu stärken, und Herr Kohn an Lehrer und Schüler einige Worte der Ermahnung und Ermunterung richtete. Der überwiegend größere Theil ist arm und zahlt kein Schulgeld, den Aermsten werden auch auf Rechnung der Schule Bücher und Papier gegeben, und sind auch schon theilweise Kleider und Stiefel angcschafft worden. — Diese Frequenz ist jedenfalls ein unverwerflicher Beweis von Zutrauen, besonders da die Kinder Häusern von den verschiedensten religiösen Schattirungen angehörcn und die Zahl der Knaben verhaltnißmäßig immer mehr zunimmt, während früher weit mehr Mädchen — die Bibel und Talmud nicht zu studiren haben — geschickt wurden. Der Umstand, daß Mädchen, die an anderen Schulen die dritte Klasse mit gutem und sehr gutem Erfolge zurückgelegt haben, sie hier repctiren und Knaben von dieser Anstalt selbst mit minder guten Noten zu den Gymnasialstudien gern zugelassen werden, zeugt aber noch mehr für dieselbe und beweist, daß das Staunen der jüdischen Gaste über die Leistungen im Hebräischen und die ausnehmende Zufriedenheit der christlichen bei den öffentlichen Prüfungen (darunter Männer wie der Herr Hosrath und Kreishauptmann von Millbachcr und der Herr Gubernialrath und Referent des Studienfaches beim hiesigen Landesgubernium, v. Emminger) ernstlich gemeint waren. Religion und biblische Geschichte sind auch für den Juden hier zu Lande ganz neue Gegenstände; Denk- und Sprechübungen werden in den anderen Schulen gar nicht und das Sprach- und Rechenfach kaum irgendwo gründlicher und besser betrieben. Es herrscht unter den Lehrern durchaus der beste Geist und ein edler Wetteifer. Hebräisch wird vielleicht zu viel gelernt (vbwol mit glänzendem Erfolg), wie denn überhaupt die Kinder etwas überladen zu werden scheinen, was aber nsthwendig ist, wenn den Forderungen von verschiedenen Seiten Genüge geschehen soll. Es herrscht indeß unter den Kindern eine solche Freudigkeit und ein solcher Eifer im Schulbesuche, daß „nicht in die Schule gehen zu dürfen" für sie die ärgste Strafe ist, während sie früher durch Prügel in die trnn getrieben werden mußten. Was die Schule für die Jugend, ist ein erbaulicher Gottesdienst mit Choralgesang und Predigt für die Erwachsenen; aber seine Wirksamkeit erstreckt sich noch weiter insofern er dem Christen eine bessere Meinung vom Judenthum beibringt. Daß dies am Sitze der höchsten Landesbehörden am Nöthigsten und für die Juden der ganzen Provinz erwünscht sein muß,! begreift wohl Jedermann von selbst. Es dürfte hier auch schwerlich einen Beamten oder angesehenen deutschen Bürger geben, der nicht dem verbesserten jüdischen Gottesdienste und einer Predigt beigewohnt hätte. Die einstweilen und nur gelegenheitlich dazu bestimmte Stätte war die große Stadtsynagoge, wo es nie an christlichen Honoratioren fehlte und bei der Feier des Gcburtsfestes Sr. Maj. am Abend des 18. April 1845 Se. Erz. der Gubernialpräsident Freiherr v. Krieg, der Vizepräsident Herr Graf v. Lazansky, der Präsident des Landrcchts so wie die anderen höchsten Beamten der Provinz zugegen waren und ihrer Versicherung nach erbaut und befriedigt weggingen. Ein ununterbrochener geregelter Gottesdienst konnte jedoch erst mit Eröffnung des neuen prachtvollen Bethauscs am 18. September l. I. eingeführt werden. Und es hat den anwesenden Vorstandsmitgliedern (den Herren Dr. Blumenfeld, Dr. Kolischer und I. Rosenstein, die anderen waren eben nichtzuHause) nicht wenig Mühe und Anstrengung gekostet, die innere Ausstattung des großartigen Gotteshauses dem Ganzcnd entsprechend so weit zu vollenden, daß es an den Festtagen benützt werden konnte. Noch am Einweihungstage hat man darin gehämmert und gearbeitet und am Tage zuvor hatte noch Mancher an der Vollendung gezweifelt. Die ganze Feier trug daher auch offenbar den Stempel der Uebereilung, was nolhwendig dem Eindruck Eintrag thun mußte. Desto erhebender und erbaulicher war die gottesdienstliche Feier an den darauf folgenden Festen und findet der Choralgesang immer mehr Anklang und bemächtigt sich die Predigt immer mehr der Herzen. Die Vorsteher so wie die meisten deutsch gekleideten Gcmeindeglieder mit ihren Frauen, die am polnischjüdischen Gottesdienste nicht Theil nehmen konnten, besuchen seitdem regelmäßig am Freitag Abend und am Sabbat das neue Bethaus mit vielen polnisch gekleideten Männern und Weibern, die sich überzeugt haben, daß man hier beten und andächtiger beten kann, als in der der wilden Unordnung verfallenen Synagoge. Der Vorstand der hiesigen israelitischen Gemeinde hat sich endlich auch den Dank der gesammten Judenschaft verdient durch die Schritte, die er bei der Re-