Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 49 (30.11.1846)
- Date
- 1846-11-30
- Page
- Seite 716 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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716 Frankfurt am Main, 8. November. Die Didaskalia enthält Folgendes: Die hiesige israelitische Gemeinde verlor am 5. d. ihren durch Tugend, Frömmigkeit und immense rabbinische Gelehrsamkeit ausgezeichneten Rabbiner, Herrn Salomon Trier, nach zweijährigem Leiden, im 90. Jahre seines Alters. Mit ihm ging der letzte Sprößling der alten Schule zu Grabe und die echt-jüdische Gelehrsamkeit verlor eine ihrer besten Stämme. Seiner berühmten talmudischen Kenntnisse wegen wurden ihm in seiner Jugend die bedeutendsten Rabbinatsstellcn angetragen, die er aber aus Anhänglichkeit zu seiner Vaterstadt ausschlug und seinen bescheidnen Wirkungskreis in derselben den glänzendsten Anerbietungen bedeutenderer Gemeinden, wie London, Preßburg und Kassel (als Konsistorialrabbiner unter der westphalischcn Regierung) vorzog. Mit kluger Umsicht und regem -Eifer stand er 52 Jahre dem hiesigen Rabbinat vor And sein eifriges Streben ging dahin, Eintracht und Frieden inmitten der heranbrechenden religiösen Stürme zu erhalten; als er jedoch im Jahre 1844 sich dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen fühlte, legte er freiwillig und unter gänzlicher Verzichtleistung auf seinen Gehalt seine Stelle nieder. Ein dauerndes Monument gründete er sich durch Heranbildung vieler Rabbiner, die sich in seiner Schule die zu ihrem Berufe nothwcndigen rabbinischen Kenntnisse erwarben. Die alte, einfache Sitte ehrend, untersagte er in seiner letzrwilligen Verfügung jede Trauerrede und äußeres Gepränge bei seinem Leichenbegängnisse; die zahlreiche Menge, welche dem Leichenzug folgte, beurkundete jedoch genügend die Liebe und Achtung, die er über dem Grabe hinaus vch in den Herzen seiner Gemeinde erworben hat. Speier, 16. November. Die Maßregeln wegen -es Moralpatcnts der Juden nach dem Gesetze vom 17. März 1808 sind neuerdings wieder verschärft worden, während man auf Abschaffung desselben gehofft hatte. Um diesem veralteten Ucberbleibsel einer finstern Zeit zu entgehen, werden wieder viele Bekenner des mosaischen Glaubens nach Amerika ausn'andern. Preußen. Breslau, 15. November. (Privatmitth.) Die Hiesige orthodoxe Gemeinde, die nun durch einen eignen Rabbiner, Herr G. Tiktin, konstituirt ist, will auch eine eigne Religionsschule errichten. Man kann diesem Unternehmen seinen Beifall aus zwiefachen Gründen nicht versagen. Denn wenn einmal eine Anzahl von Gemeindemitgliedern ihre Kinder der bestehenden Religionsschule, die durch Herrn 1)>'. Geiger in's Leben gerufen ist, nicht übergeben will — mögen die Gründe sein, welche sie wollen — so müssen doch diese Kinder unterrichtet werden, und diese können die Schuld der entzweiten Väter nicht tragen. Zweitens nähert sich dadurch doch auch der orthodoxe Theil der Gemeinde dem Bedürfniß der Zeit, und muß dessen Wirkung mehr oder weniger nachgeben. Wird die neue Anstalt Nichts taugen, nun, so wird sie von selbst eingehen, denn auf die Länge erhält sich so Etwas nicht. Wird sie gut, nun, so werden selbst die Gegner Herz genug haben, deshalb Glück zu wünschen. Zwar sollte man mit der Jugend nicht experimentiren; allein cs hat ja Alles seine Mangel. Posen, 19. November. (Eingesandte Berichtigung.) sWir sind eigentlich durchaus nicht verpflichtet, von Seiten des posener Kolonisationsvereins eine offizielle Berichtigung aufzunehmen, eines jüdischen Vereins, der die jüdische Presse von seiner Existenz nicht einmal in Kenntniß zu setzen sich bemüßigt gesehen, und Kunde von seinen Fortschritten die jüdische Presse erst aus anderen Blättern oder Privatmittheilungen nehmen zu lassen geruht. Da nun der in Rede stehende Artikel von uns der Schles. Zeit, entnommen ist, so hätten wir dieser die Berichtigung zu überlassen. Allein die Wahrheit steht uns höher, als die Forderung der Empfindlichkeit. Mögen die Leiter des Vereins diesen Wink benutzen. Wir nennen übrigens, diese Berichtigung offiziell, da sie unter der Frankalurbezeichnung des Vereins uns zugekommen. Die Beurtheilung der fraglichen Gegenstände selbst ist uns jedoch nicht möglich, da wir bis jetzt nicht einmal ein Exemplar der Vcreinsstatuten erlangt haben. Wir geben daher die Erwiderung, so wie sie uns zugekommen. Redakt.j Der in No. 45 d. Bl. aus der Schles. Zeit, entnommene Artikel, die Kolonisation der Juden des Großherzogthums Posen betreffend, ist hier mit großer Indignation von Allen, die nur einigermaßen mit diesem Projekte bekannt sind, gelesen worden. Der Korrespondent hat in demselben die gehässigsten