Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 48 (23.11.1846)
- Date
- 1846-11-23
- Page
- Seite 702 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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702 kapelle und das Sängerchor, das öm§ jüdischen jungen Leuten bestand , und von unserm Kantor, Herrn Weintraub, dirigirt wurde, durch ihre vorzüglichen Leistungen zur Hebung der Feier beigetragen haben. Doch den Glanzpunkt der Feier machte die Predigt des Herrn Dr. Gebhard. Dieselbe war an Inhalt so gediegen und wurde mit so großer Rednerkunst vorgetragen, daß sie die Gemüther aller Hörer, welches auch ihr Glaubensbekenntniß sein mochte, gleich stark ergriff und sie mit einer Begeisterung für den Redner erfüllte, welche sich nicht bloß in einzelnen Lobeserhebungen, Indern in öffentlichen Demonstrationen kund gab. Heilige Ruhe und Ordnung herrschte während der go izen Feier. Der Geist der Weihe war über Alle gekommen, ohne Unterschied des Glaubens und des Prinzips, über Juden und Christen, über Lichtfreunde und Dunkelmänner. Unsre christlichen Mitbürger bethäligten es, daß sie in der Einweihung unsrer Synagoge mehr sahen, als das bloße Fest einer Konfession Mit reger Theilnahme beinühten sich die Einzelnen Zutriltskarten zur Feier zu erlangen, mit dem artigsten Danke nahmen die Behörden die Einladungen an, und mit der größten Freundlichkeit unterstützten uns Militär und Polizei in den Anstalten, welche zur äußern Ausstattung der Festlichkeit unö zur Aufrechterhaltung der Ordnung nvthwendig waren. Die Synagoge ist großartig und prachtvoll. Sie bilde, ein Oblongum, die beiden kürzern Seilen nach Morgen und Abend wendend, und genießt vor vielen öffentlichen Gebäuden den Vorzug, daß sie an allen vier Fanden gleichmäßig verziert ist. Halbfreie Säulen, welche sich durch die ganze Höhe des Gebäudes hinaufziehen, geben demselben Sicherheit und Eleganz. Auf solch n Säulen ruht in der Mitte jeder Fayade ein geschmackvolles Frontispice, auf seiner höchsten Spitze die Gesetzestafeln tragend. Gothische Thürmchen mit orientalischen Kuppeln, darauf vergoldete Pentagrammen fügen zu dem würdigen Aussehen des Hauses eine anmuthige Lebendigkeit. So macht das Ganze einen recht wohlthuenden Eindruck auf das Auge, obwol es eigentlich in keinem reinen, sondern in jenem komponirlen Style erbaut ist, den die Baumeister bei der Errichtung jüdischer Gotteshäuser zu befolgen pflegen, weil sie eben in der Wahl eines bestimmten Sty'es verlegen sind. Die innere Ausschmückung des Gebäudes zeichnet sich durch einfache Eleganz aus. Zwei mivergitterte Chöre ziehen sich, von schlanken Säulen getragen/ an den Wänden hin. Nur die Morgenwand lassen sie frei. An dieser erhebt sich in griechischem Style die Fae-ade einer Basilika, zwischen ihren inneren Säulen die heilige Lade bergend. An die Basis des Aufbaues stößt eine halbkreisförmige Estrade, von einer Gallerie umgeben, auf deren Brüstung geschmackvoll gearbeitete Kandelaber prangen. An der Decke glänzen goldene Sterne in blauen Feldern. Sämmtliche Arbeiten, welche zur Dekoration des Innern gehören, sind die Leistungen zweier jüdischer Künstler, nämlich der Herren Goldbaum so». und jun. aus Bromberg. Der Bau kostet an 20,000 Thlr. Diese Summe ist, abgesehen von den Schenkungen einiger frommen Wohlhabenden, durch eine Besteuerung aufgebracht worden, welche die einzelnen Gemeindemitglieder nach Verhältniß ihres Einkommens traf. Daß diese großen Opfer von der Gemeinde so rasch und gerade in einer Zeit gebracht wurden, die von materiellen Kalamitäten sehr heimgesucht war, muß als der Ausdruck eines schönen Gemeinsinnes gerühmt werden; doch nicht minder rühmenswerth ist die Energie unsres sehr geachteten Vorstandes, der nicht müde ward, diesen schönen Gemeinsinn zu erhalten und zu verstärken. Mit dem neuen Hause sind auch einige Neuerungen in unsrer Gemeinde erstanden. Eine Kommission sachverständiger Männer hat, um den Gottesdienst äußerlich und innerlich würdiger zu gestalten, unter Leitung des Herrn M. Zippert eine Synagogenordnung entworfen, welche, nachdem sie von den Rabbinern Herren Dr. Gebhardt und Dr. Hirschfeld bestätigt, hier eingeführt worden ist. Der frühere Vorbeter, ein alter schwacher Mann, wurde pensionirt, und an seine Stelle trat ein junger musikalisch gebildeter Kantor, der mit Chorbegleitung singt. Der bisherige Rabbiner, ebenfalls ein alter, schwacher Mann, mußte auch seinen Platz räumen. Als neuer Rabbiner ist durch Beschluß des Vorsteher- und Repräsentantenkollegii Dr. Gebhard aus Wreschen gewählt. Zu seiner Anstellung sind bereits die gehörigen Schritte bei der Regierung gethan, von deren Entscheidung es nun abhangt, ob unser Seelenheil dem alten oder neuen Regime anvertraut wird. Denn so sehr sich die Einen unsrer Gemeinde nach dem Fortschritte sehnen, so sehr auch unser intelligenter