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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-11-23 · Heft 48 (23.11.1846) · p. Seite 701

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 48 (23.11.1846)
Date
1846-11-23
Page
Seite 701 (sequence 9)
Language
German
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701 sich die Kenntniß der Muttersprache aneignen, darum dürfe man in der Synagoge nicht plaudern, darum müsse man eine Religionsschule haben. Obgleich nun die gläubige Herde, verstockt am Alten hangend, in Herrn Tiktin's etwas ungezwungne Behandlungsweise der deutschen Sprache nicht eingehen mochte; obgleich sie sich aus der lieben Gewohnheit, die Synagoge zu ihrem Unterhaltungsplatze zu machen, nicht entfernen konnte, die Errichtung einer Religionsschule schien ihr ein willkommener Gegenstand ihrer Beachtung zu sein, und dieses Institut soll, nach Versicherung des Herrn Tiktin, wo möglich nach Neujahr in's Leben treten. — Wir wollen es gern glauben, daß jenes edle Motiv Herrn Tiktin zur Errichtung der Religionsschule angetrieben, wollen gar nicht bezweifeln, daß es ihm Ernst um die Sache ist; aber wird dies Institut unter seiner Leitung eben jenen segenbringenden Zweck vollbringen, der ihm allein Bestand und Gedeihen sichern kann? O ich fürchte gar sehr, daß diese Schule, abgeschlossen vom Leben, abgeschlossen vom erfrischenden Hauch der Gegenwart, die Verknechtung des Geistes, die kriechende Hingebung für die Form zum Ziele ihrer Thätigkeit machen; daß in ihr das todtgeglaubte Cheder aus seinem Grabe erstehen, und die Verwesung über die zum Leben heranstrebende Jugend ausathmen werde. Herr Tiktin verdankt seine Anstellung dahier als Rabbiner nur dem Parteienkampf, der mit eigenwilliger Macht jeden Weg zur Besinnung und Ueberlegung absperrt; der großgebildete Mensch, der die unzulängliche Befähigung seines geistlichen Oberhauptes vermißt und einsieht, wird sich nach seiner eignen Lebensanschauung eine normale Handlungsweise bezeichnen können; was soll aber aus dem Kinde werden, wenn das zu leicht empfängliche Herz Prinzipien in sich ausnimmt, die der Bildung der Gegenwart schnurgerade entgegenlaufen? wenn es auf eine Richtung verwiesen wird, deren Spur im Leben nicht mehr anzutreffen ist? — Mögen es die Mitglieder der orthodoxen Gemeinde — o sie sind ebensowenig orthodox wie wir — wohl bedenken, daß es hier nicht um einen Sieg über die gegenüberstehende Partei zu thun ist, daß es sich hier um das Wohl oder Wehe ihrer Kinder handelt, und sie werden dann bald zu der Ueberzeugung gelangen, daß die schon bestehende Religionsschule dem religiösen Bedürfniß abzuhelfen, und einen warmen Glaubenseifer zu erhalten im Stande ist. Gnesen, 10. November. (Privatmitth.) *). Am 8. Oktober fand hier eine seltne Feierlichkeit statt. Die hiesige neue Synagoge wurde eingeweiht. Es war dies ein Fest, welches nicht allein die jüdischen Glaubensgenossen feierten, sondern die ganze Stadt hatte ein festtägliches Ansehen. Aus den umliegenden Städten kamen Viele, um der Feier beizuwohnen, ja der Zudrang der Fremden war so groß, daß Vielen derselben Zutrittskarten zur Feier versagt werden mußten. Die Feier begann mit einem Festzuge, der sich von dem Hause des Herrn B. Senator aus über den Markt nach der Synagoge hin bewegte. Den Zug cröffnete ein Mädchen, auf einem Atlaskissen den Synagogenschlüssel tragend, es folgte die Schuljugend mit Blumen bekränzt und Blumen streuend, sodann ein junger Mann, die der Judenschaft gehörige Fahne tragend, dann die jüdische und christliche Geistlichkeit, Erstere mit den Gesetzesrollen, dann die Regierungsbeamten, die Beamten der Korporation und endlich die christlichen und jüdischen Honoratioren, welche zur Bildung des Zuges besonders eingeladen waren. Böllerschüsse ertönten, während der Zug über den Markt hinging. Als derselbe an der Synagoge angelangt war, überreichte der Korporationsvorstehcr, Herr M. Russak, dem Herrn Landrath den Schlüssel zur zeremoniösen Eröffnung des Hauptportales, durch welches sich der Zug in den untern Synagogenraum begab, feierlichst begrüßt von einem gut besetzten Orchester und Sängerchor.^ Die Feierlichkeit bestand in einem deutschen Eröffnungspsalm, gesprochen von dem Dirigenten der Gemeindeschule, Herrn Stenzel, einem deutschen Dankgebete, gesprochen von dem Korporationsvorsteher, mehreren hebräischen und deutschen Psalmen, von dem Musik- und Sängerchor vorgetragcn, und zweien Predigten, gehalten von dem damaligen Gemeinderabbiner, Herrn Waldstein, und dem Herrn vr. Gebhard, Rabbiner zu Wreschen. Die Feier war in allen ihren Abschnitten schön und erhebend. Die Musik- und Gesangstücke waren vortreffliche Kompositionen, und es muß rühmlichst anerkannt werden, wie wesentlich die hiesige Dom- *) Obgleich wir Beschreibungen von Einweihuogsfeierlichkeiten, deren Häufigkeit und Einerlciheit wegen, in der Regel nicht aufnehmen, so ifi die Kunde von den Verhältnissen dieser bedeutenden Gemeinde Grund genug zu einer Ausnahme. Redakt. 48*

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