Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 48 (23.11.1846)
- Date
- 1846-11-23
- Page
- Seite 694 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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694 II. Es schwÄlEt ein Schiffkin dort müd' auf dem Meer, Es stöhnt, gepeitscht von den Wellen, Denn heulend brauset der Sturmwind daher, Das Schiff durchaus zu zerschellen. Es zittern die Dielen, die Pfosten erkrachen, Die Menschen umher doch, sie schauen und lachen. „Ha, seht das Schiff nur, wo ließ es den Mast?" So hört die Menge man höhnen. ,,Was frommt dem Meer auch die nutzlose Last?" „Kann das ein Schiff auch sich wähnen?" „Ihr wackern Winde, thut auf euern Mund, „Und blaset das Schifflein uns tief in den Grund!" Und wild und wilder der Sturm sich erhebt, Als wollt' die Welt er erschüttern, Es bäumt das Meer sich, die Erde erbebt, Ter Schöpfung Säulen erzittern. Wie werdet, ihr Schiffer, dem Tod jetzt entgehen? Ach, jetzt ist für immer um euch es geschehen! Was tönt für Singen mir plötzlich entgegen? Vom Schiff aus kömmt's, über's Meer. Bald Klage scheint es, bald himmlischer Segen; Es trifft die Seele mir schwer! „Du redest, Jehova, wir lauschen voll Gier, „Denn Tu bist der Herr, und die Knechte sind wir. „Ja Du voll Tugend und wir lauter Tücke, „Du gütiger Vater, wir schlecht. „Verderb' uns, Herr, oder führ' uns zum Glücke, „Was Du beginnst ist gerecht! „Ach, wir stnd voll Frevel, wir sehen es ein, „Doch Du bist barmherzig und weißt zu verzeihn." Und horch — wie konnte das Wunder gelingen? — Es hat der Sturm sich gelegt. Die Winde horten das Beten und Singen, Und-sieh', kein Lüftchen sich regt. Und ruhig und sicher, 'rotz Klippe und Riff, Schwimmt fort es und fort, das gebrechliche Schiff. III. Lass, waches Schiff, laß froh dich begrüßen! Wie wird mir der Busen so weit! Mög' immerdar ruhig die Welle dir fließen, Sieh, schon ist der Hafen bereit! Nur muthig gesegelt, nur muthig und frisch, Du schwimmender Vogel, du fliegender Fisch! Die Zeit ist vorbei, die erniedrigt uns sah, Drum trocknet die weibischen Zähren, Ja, Muth, meine Brüder, Erlösung ist nah, Es kann nicht mehr lange so währen. Im Westen da ging schon die Sonne uns auf, Von West nimmt für uns sie gen Ost ihren Lauf. Nckr hütet euch streng vor dem Kampf mit der Zeit, Bedenkt sie kann Manches euch lehren. Was gestern gegolten, verlacht man oft heut', Nicht Alles was alt muß man ehren. Der Thörichte fragt, ob die Sitte recht grau, Der Weise doch sieht auf den Werth nur genau. Und urtheil', mein Volk, nicht nach äußerem Schein, Den Menschen im Menschen nur schätze. Sieh zu, ob sein Wille stets lauter und rein, Nicht ob er befolg' die Gesetze. Doch irr' dich auch nicht der Spötter Geschrei, Und hatte am Glauben der Väter getreu. Vor Allem stell' fest, was zu wollen du hast, Nicht immer, ach, ist es gesche^n. Getrost in den Staub mit so manchem Ballast, Und sicher, und stolz wirst du stehen! Und sage nur Jedem es offen und frei. Ein Jude bin ich, und bleib' es getreu. Doch wend' nicht nach Zion nur immer den Blick, Das Vaterland sei dein Begehren. Der Schlechte nur sucht in der Ferne das Glück, Dem Herd wird der Gute gehören. Dem Vaterland öffne die Brust darum weit! Und ruft's in der Noth dich, sei freudig bereit.