Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 47 (16.11.1846)
- Date
- 1846-11-16
- Page
- Seite 688 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Konin 1× ep/1000723
- Mohel 1× ep/1006163
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688 Oktober, war die israelitische Gemeinde von Bordeaux Zeuge eines sehr erbauenden und im Glauben an unsre heilige Religion sehr bestärkenden Schauspiels. Ein Unteroffizier vom 4. Linienregiment, das in dieser Stadt in Garnison liegt, hat bei dem Großrabbinen Marx den christlichen Glauben verlassen und mit Muth und großer Freudigkeit die Beschneidung an sich vornehmen lassen. Der würdige Rabbiner widerstand mehr als acht Monate dem Wunsche des Proselyten, und hat ihn erst in den Schooß uüsres Glaubens aufnehmen wollen, nachdem er sich gänzlich überzeugt hatte, daß jener nur von den reinsten Absichten beseelt sei, und den festen Entschluß hege, im israelitischen Glauben zu leben und zu sterben. Die Operation wurde mit einem seltnen Talent von Herrn A. Castro in Anwesenheit mehrer Aerzte vollzogen, die von der wunderbaren Geschicklichkeit des Mohel erstaunt waren; der Proselyt bezeugte den Anwesenden seine Freude, seiner Ueberzeugung ein solches Opfer zu bringen. —. Herr Weil, Direktor der israelitischen Schule zu Algier, ist zum Großrabbinen des Konsistoriums dieser Stadt bestimmt. —. Wie wird Einem, wenn man im Univ. israel. die Worte liest: „Die Geburteines jungen Barons, Sohnes des Herrn N. von Rothschild, hat die königliche Dynastie dieses erlauchten Hauses vergrößert."!!! Man wird es nicht glauben, daher folgen hier diese Worte in der Ursprache: „La naissauce d’un jeune daran, fils de M. N. de Rothschild, vient encore d’augmenter la royale dynastie de cette illustre maison.“ Das schreibt man in Frankreich — Gott sei Dank, im Namen des deutschen Judenthums kann man protestiren, ohne irgend eine Reklamation zu befürchten. Selbst in Frankfurt am Main wird man diese Worte verabscheuen. Wir wissen ja, welch' ein drückendes und gefährliches Geschenk uns die Vorsehung an diesem Hause gegeben! Rußland und Polen. Von der polnischen Grenze, 1. November. (Bresl. Ztg.) In der einige Meilen von Kalisch entfernten Kreisstadt Konin kam es vor mehren Tagen zwischen den Christen und Juden zu Auftritten, die leicht sehr bedauerliche Folgen hätten nach sich ziehen können. Es war nämlich ein christliches Mädchen plötzlich verschwunden, und bald verbreitete sich das Gerücht, wie es in den letzten Jahren leider mehre Male vorgekommen, das Kind wäre von Juden gestohlen und als Opfer getödtet worden. Ja Einer behauptete sogar, er hätte einen Juden am verflossenen Abend mit einem Sack auf dem Rücken gehen sehen, aus welchem zwei Füße heruntergehangen hätten. Diese Aussage steigerte die Wuth des Pöbels auf's Höchste. Zum Unglück war der Landrath zufällig verreist und so ließ der Bürgermeister, welcher eben nicht zu den Freisinnigsten gehören soll, den Rabbiner zu sich rufen, welchem er in strengen Worten befahl, augenblicklich (es war Mitternacht) alle Juden in die Synagoge zusammenklopfen zu lassen (bekanntlich werden in den meisten polnischen Städten die Juden noch durch 3 Hammerschläge an die Thüre in die Synagoge gerufen), und sie zu ermahnen, das unglückliche Opfer heraus zu geben oder den Dieb zu ermitteln. Der Rabbiner weigerte sich jedoch dessen, indem er seine Glaubensbrüder einer so ruchlosen That für unfähig erklärte. Unterdessen waren alle Straßen von dem mit Stöcken, Heugabeln und anderen Geräthschaften bewaffneten Pöbel gefüllt, deren unbedingtes Vorhaben es war, die Juden auf das Aergste zu mißhandeln und natürlich nebenbei ein Wenig zu plündern; und gewiß wäre es bald zu bedauerlichen Auftritten gekommen, wenn sich nicht ein Jnvaliden-Ofsizier mit 38 Veteranen, mit scharf geladenen Gewehren, auf dem Ringe zum Schutz der bedrängten Juden aufgestellt hätte, wodurch der Wuth des losgelassenen, zügellosen Pöbels für den Augenblick Einhalt gethan wurde. Doch eben sollte der Kampf dennoch schrecklich beginnen, da beide Theile auf's Höchste gereizt waren, als ein Landmann noch zu rechter Zeit, mit dem verlornen Kinde auf dem Arme, auf dem Kampfplatze erschien; er hatte dasselbe schlafend aus den Wiesen gefunden und es so lange in seiner Wohnung behalten, bis er den Wohnort genau in Erfahrung gebracht hatte. Diese Auferstehung des todt geglaubten Kindes machte natürlich dem Aufstande ein Ende. Die Juden schickten sogleich Staffelten nach Kalisch und Warschau ab und baten um Schutz und strenge Untersuchung. Es sind auch bereits in Folge dessen sechs Individuen von den Unruhstiftern gefänglich eingezogen worden.