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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-11-02 · Heft 45 (2.11.1846) · p. Seite 658

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 45 (2.11.1846)
Date
1846-11-02
Page
Seite 658 (sequence 10)
Language
German
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SS9 Galizien handelt, nur das innere israelitische Leben daselbst besprochen habe; denn cs war mir damals besonders darum zu thun, uns selbst unS zur Anschauung zu bringen. Die Verhältnisse der dortigen Juden zur Regierung aber, so wie zu den christlichen Mitbürgern, wurden da nur schwach berührt, und zwar nur dann, wo daS Bild des israelitischen Lebens an seinen Konturen nothwendig den Huttergrund hervorheben mußte, auf dem es dasteht, d. h. daS Land, seine Bewohner und die politischsozialen Verhältnisse desselben. Daß ich es aber diesmal vorzog, besonders der innern geistigen Emanzipation unserer dortigen Bruder mein Augenmerk zuzuwenden, und ihre äußere politische für diesmal zu übersehen, rührt daher, weil erstere — die innere Selbstemanzipation — mir aud? als die wichtigere und sur den Augenblick nethwendigere erschien. — Nicht etwa daß der Staat das Rechthätte, einen Theil seiner Kinder an ihren politischen Rechten so lange zu verkürzen, bis ste einen gewissen ihm gut scheinenden Grad von Bildung und Kultur erreicht haben, denn die politischen staatsbürgerlichen Rechte können wol durch positiven sittlichen Verfall, d. h. Verbrechen, eingebüßt, brauchen aver nicht erst durch besonderes Verdienst erworben zu werden; drnn sie sind ja nothweneige Konsequenzen unseres bestimmten Daseins, und werden mit und durch unfern Eintritt in einen bestimmte» Staatsverband eo ipso unS erworben. Allein ich halte deswegen die innere Selbstemanzipation für wichtiger, weil sie allgemeinerer, geistigerer Natur ist, weil sie dre höchste Mission unseres geistigen Daseins ist, weil sie auf unsere thalen- und geschichtsreiche Vergangenheit eine erhabene Zukunft aufbauet, eine Zukunft, um die wir kerne andre Glaubcuspartei auf Erden zu beneiden brauchen. — Wenn wir z. B. von den heilsamen Wirkungen der bürgerlichen Emanzipation unserer Glaubensgenossen in Frankreich, Holland rc. hören, so schlägt in uns zwar das Herz vor Wonne, und wir fühlen uns überglücklich, die Unsrigen auf einer so hohen sozialen Stellung da oder dort placirt zu sehen; allein diese Tharsache fördert uns in unsrer eignen Stellung (wenigstens direkt) nicht viel weiter. Ganz anders ist's aber mit der geistigen Emanzipation, die zu uns z. B. aus Deutschland herüber tönt, die reißt uns selbst mit sich fort. Der Geist, der von dieser Seite angeregt wird, kann nimmer wieder zur Ruhe kommen, er muß früher oder sp^ner an dem Kampfe um seiner eignen Selbsterhaltung willen Theil nehmen; auch müssen wir nicht übersehen, daß unsre geistige Emanzipation von uns selbst abhärrgt, unsre bürgerliche hingegen bekanntlich von Potenzen außer unS, daher man natürlich daß zuerst ergreij fen muß, dem man durch die eigne Selbstthätigkeit ge- > nügen kann, ganz abgesehen davon, daß überall unsre Selbstemanzipation es ist, die unsre bürgerliche vorbereiten wird. Wo man uns nicht wohl will, da muß man uns erst für unser» geistigen Aufschwung achten lernen, und wo man uns eiumal zu achten gelernt hat, da gebietet die Selbstachtung, uns besser und humaner zu behandeln. DaS war, ist und wird, meiner Meinung nach, der Gang unsres bürgerlichen Emanzipationsprozesses im ganzen Osten sein. — Dieses Alles war es das mich veranlaßt hatte, unsere galijischen Zustande dem Publikum zuerst von der Seite des innerlichen israelitischen Gemeindelebens vorzufühten, allein zwischen damals und jetzt, welcher Unterschied! Galizien, das sich von jeher bescheiden mußte, in Europa bloß dem Namen nach bekannt zu sein, trat in jüngster Zeit auf einmal in den Vordergrund europäischpolitischer Wichtigkeit! Freilich waren es schmerzliche, be-? klagenswerthe Ereignisse, die Galizien diese traurige Be-! rühmtheit verschafften. Und wer hätte es auch früher! geahnet, dah es so weit kommen könnte! daß mitten in einem wohlgeordneten staatlichen Leben das blutige Haupt der Anarchie sich so grauenvoll zu zeigen wagte! Daß in diesem Galizien, wo man doch überall die wohlthätigen Wirkungen der österreichischen Regierung nicht verkennen kann, in diesem Galizien, das man mit Recht sich getrauen durste für einen deutschen Staat gelten zu lassen — so waren da die Spuren deutschen Organisationsgeistes eingedrungen —, daß nun da dieses Alles auf einmal in Frage gestellt würde, daß da Polenthum und Deutschthum um Sein und Nichtsein kämpfen, und in ihrem Titanenkampf die demonischen Mächte sozialer Selbstentleibung heraufbeschwören konnten, um uns Szenen aufzuführen, die wir bisher nur in den Blättern der Geschichte als ein trauriges Denkmal menschlicher Verirrungen in einer so zu sagen anarchisch-fanatischen Zeit zu finden wähnten! Wer hätte bis vor Kurzem dieses Alles für möglich gehalten! Fern sei es von uns auch noch unsrerseits dem Polenthum das „Pereat" zuzujauchzen, uns steht es am Wenigsten zu, einem gefallenen Volke den Fuß auf den Nacken zu setzen. Allein das kann uns nicht verhindern, unsre — d. h. der galizischen Juden — eigne Stellung zwischen diesen beiden streitenden Elementen genau zu berücksichtigen, und da können wir keinen Augenblick zwei-

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