Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1846)
- Date
- 1846-10-26
- Page
- Seite 641 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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641 ten solche lösen unter Strafe der Ungültigkeit aller Verhandlungen, die sie mit Privaten pflogen. Diese Bestimmung war seit 1830 nie mehr angewendet worden." Es schwebte seit mehreren Jahren ein solcher Prozeß vor den hiesigen Gerichten ob, daß ein Christ dem Juden eine Schuld nicht zahlen wollte, welcher Prozeß jetzt aber zu Gunsten dieses entschieden wird. 2) „Die Darlehen auf Faustpfänder; die Juden waren darin einer sehr strengen Kontrolle unterworfen, um den Wucher zu verhindern, welcher ihnen so hart nachgeredet wird. Bei dem Bestehen der Kantonalbank und anderer ähnlicher Institute darf diese Ausnahmsbestimmung in Zukunft ganz gut wegfallen." 3) „Daß die Juden ihre Handelsbüchcr nicht in hebräischer Sprache führen." „Damit ist aber noch nicht gesagt, daß nun jeder Jude auf hiesigem Staatsgebiete sich niederlassen könne: es gelten dafür die gleichen Grundsätze wie für andere Fremde: Reziprozität, Empfehlung über redliche Erwerbsfähigkeit u. s. w. sind beständig von Nöthen." Rußland und Polen. Warschau, 2. Oktober. (Schief. Ztg.) Der gestrige Tag war der, an dem sämmtliche Juden des Königreichs, die unter 60 Jahre zählen, ihre bisherige eigenthümliche Tracht ablegen und in eine der üblichen Landestrachten sich kleiden mußten. Mit dem Gürtel, dem Kaftan und der Zobelmütze mußten auch der Bart und die langen Haarlocken fallen, die des Juden Antlitz dunkel umschatteten und die er für ehrwürdig, heilig und unverletzlich hielt; kurz, die Juden mußten ihr eigenstes wahrstes Wesen ablegen und dafür in eine Hülle sich stecken, in der sie selbst sich nicht wieder erkannten. Es war rührend mit anzusehen, wie die neu theils wunderlich und seltsam Ausstafsirten einander begegneten und sich nicht erkannten, wie sie scheu und ängstlich die besuchten Straßen mieden und oft selbstvergessen nach dem bartlosen Kinn und dem kurzgeschornen Haare griffen! Die Armuth, die hier unter einem sehr großen Theile der Juden herrscht, ist schrecklich, oft grausenerrcgend, und solche Arme, die bis jetzt fast nackt unter dem alten zerrissenen Kaftan gingen, der ihren Körper von oben bis unten bedeckte, müssen nun jetzt plötzlich die Mittel auftreiben, um sich einen Anzug zu schaffen, der mindestens fünf Mal so viel kostet als ihr früheres bestes Feiertagsklcid. Und erst arme Familienväter, die für sich und die Ihrigen die neue Tracht herbeischaffen müssen, befinden sich wirklich in einem entsetzlichen Elend, und doch muß es geschehen, wenn sie nicht der Gefahr ausgesetzt sein wollen, daß ihnen auf der Straße das polnische Gewand vom Leibe gerissen werde. Außerdem aber giebt es viele Juden, die es als eine Gewissenssache betrachten, die polnische Kleidung abzulegen, die mit dem Bart ihre ganze Religion fallen sehen, und für diese ist der Kampf ein doppelt schwerer. Darum war es auch an dem jüngsten Versöhnungstage in den hiesigen Synagogen lebhafter als sonst: ein entsetzliches Jammergeschrei stieg einstimmig aus denselben empor, daß dem vorübergehenden Fremden die Haare sich sträubten. Viele Juden behalten ihre Tracht bei und zahlen die gesetzliche Steuer dafür, was bekanntlich bis zum Jahre 1850 ihnen gestattet ist, aber die festgesetzte Steuer ist so bedeutend, daß wol Wenige auf die Länge von dieser Wohlthat Gebrauch machen werden. Aus Kurland, 4. Oktober. Die „Zeit, für Preuß." enthält Folgendes: Daß die Regierung es ernstlich auf die Entnationalisirung (??) der Juden abgesehen hat, ist wol nicht mehr zu bezweifeln. In unsrer Gegend haben die Kreislehrer auf höher» Befehl der jüdischen Jugend bekannt gemacht, daß wenn sie die Kreisschule nicht auch am Sonnabend besuchen wolle, sie ganz wcgbleiben möge. Das heißt, das Judenthum in seinem Lebenspunkte, der Heiligung des Sabbats angreifen; der Widerstand konnte nicht ausbleiben. Die jüdischen Eltern schicken ihre Kinder nun gar nicht zur Schule, wie wir von den Kreislehrern aus den uns benachbarten Bezirken erfuhren. Frankreich. Paris, 15. September. (l’Univ. israel.) Durch die Schritte desZentralkonsistvriums sind die OrdreS, welche den israelitischen Gefangenen in den Zentralhäusern das Feiern der Sabbate und Festtage untersagen, provisorisch aufgehoben. Es sind im Ganzen S1 Juden und 12 Jüdinnen in diesen Zuchthäusern, also 103. So sind 2 Frauen unter 17 Gefangenen,