Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 44 (26.10.1846)
- Date
- 1846-10-26
- Page
- Seite 638 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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638 werfen aller Religion brauchen sie sich keinen Vorwurf zu machen, auch die ihrige zu verwerfen. Doch schauen wir etwas tiefer. Was ist eigentlich der Grundgedanke aller dieser Erscheinungen? Der Gegensatz der alten und neuen Zeit laßt sich so fassen: die alte Zeit wollte in der Religion ein Allgemeines hinstetlen, in welches das Bewußtsein des Einzelnen sich einz uleben habe — die neue Zeit will das Bewußtsein des Einzelnen zu allgemeiner Geltung erheben. Diesen Weg ging das Judenthum, gingen die christlichen Kirchen. Indem von jüdischer Seite die heilige Schrift, dann wieder die Tradition und der diese enthaltende Talmud, bis endlich auf den :*r»273, den Brauch der Gemeinde, als unumstößliche Autorität hingestellt wurde, waren diese hiermit als das Gemeinsame und für die Judenheit Allgemeine aufgestellt, dem sich das Individuum, bei aller Verschiedenheit der Bildung und des Bewußtseins nicht nur zu unterwerfen, sondern auch einzuleben habe, da schon der Zweifel ein Unrecht war. Gleiches im Christenthume. Die Bibel, insbesondere das s. g. Neue Testament und die Tradition, diese schärfer als „die Kirche" gefaßt, als alleinige Autorität, als das Gemeinsame und Allgemeine, machte sich also sowol Ln der katholischen als in der protestantischen Kirche geltend. Der Unterschied war aber, daß im Judenthume die Lehrbegriffe einfacher und aus dem Ganzen sich von selbst ergebend waren, und sich daher die Sitte, die Bräuche, der Kultus mehr als den Inhalt dieses Allgemeinen setzten; das Chrisienthum hingegen sich bestimmte Dogmen ausarbeitete, die iu Bekenntnißformeln, symbolischen Formeln :c. ihre Feststellung gewannen. Je mehr aber durch Wissenschaft und Philosophie die Geister vom Elemente der Kritik durchdrungen wurden, je mehr dadurch eine, jenen Allgemeinheiten in der Religion entgegengesetzte Ansicht in den Geistern Raum gewann: desto heftiger wurden die Angriffe, desto stärker der Drang, die gewonnene Ueberzeugung als selbstständig von der Allgemeinheit zu trennen. Im Judeuthume mußte sich dies natürlich auf die Sitte, den Brauch, den Kultus werfen. Zuerst wurde die Autorität der Tradition verworfen, und diese entweder als nicht vorhanden, oder doch als nicht bindend erklärt. Dann sollte der Kultus, der im Judenthume nur jüdisch-objektiv gehalten war, für die Gefühle des Individuums Raum schaffen, und diese mehr zur Aussprache kommen, als das Bekeuntniß und die Geschichte des Jüdisch-Allgemeineu. Aber auch die Autorität der beiligen Schrift wurde angefochten, indem man zuerst das in ihr gegebene Gesetz nur als palästinensisch ansah, dann eine „Fortbildung des Mosaismus" aufstellte, endlich den Begriff der Offenbarung verfälschte oder beseitigte. War man so weit gekommen, so war auch alles Gemeinsame und Allgemeine im Judenthum zerstört, und an die Stelle eines gemeinsamen Lehrbegriffs, der nicht mehr vorhanden war, mußte sich eben — datz Bewußtsein des Individuums drängen, es war nichts weiter da. Zwar hielt man sich noch an das gemeinsame Bekenntuiß eines Gottes; aber, wer am Schein kein Gefallen hat, muß doch bekennen, daß dies nur noch ein inhaltsloser Begriff, also nur ein Wort ist; denn die Vorstellung, was dieser eine Gott sei, bildet den Inhalt, und dieser allein kann das Wesen des Gemeinsamen ausmachen. So lange nun das Individuum, das so weit gelangt ist, weiter nichts fordert, als den freien Bestand für sich, ist es in seinem Reckte: wenn aber eine Anzahl derselben sich zusammeuthut, um das für Millionen noch bestehende Allgemeine zu bekämpfen, sich ihm gegenüber zu stellen und das Recht einer Allgemeinheit zu verlangen, so ist es außer seinem Rechte. Denn das individuelle Bewußtsein hat aber nur für das Individuum sein Recht und sein Wesen; sobald es sich aber als die Richtschnur und das Maaß eines Allgemeinen setzen will, hat es keinen Inhalt, kann es keinen Inhalt angeben; denn sobald es dieses thäte, beschränkt es sich selbst wieder, zerstört sich selbst. Nur ein Nebeneinander kann das individuelle Bewußtsein fordern, durchaus aber nicht ein Miteinander. Es ist die leere Schale, die Jeder nach Belieben mit einem Inhalte ausfüllen soll; diese Schale aber für das Wesen ausgeben, und das Recht eines Inhalts beanspruchen, widerspricht sich selbst. Dies zeigt sich denn auch in den oben gedachten Erklärungen selbst. Indem sie daß Gemeinsame des Judenthums und das des Christenthums verwerfen, und sich als freie Menschen erklären, d. h. wo allein jedes individuelle Bewußtsein die vollkommne Freiheit erlangt hat: geben sie sich unter der Hand schon wieder ein Gemeinsames, welches das individuelle Bewußtsein beschränkt. Sie sagen: „Wir erkennen in dem Hinausrücken Gottes und des ewigen Lebens in eine jenseitige Phantasiewelt einen, mit dem Bedürfnisse des Geistes nach der ewigen gegenwärtigen Versöhnung in Gott koutrastirenden Dualismus, und setzen die Seligkeit allein in das immer