Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1846)
- Date
- 1846-10-19
- Page
- Seite 634 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225487--08097-3238895- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
634 Nach diesen Worten entfernte er sich schnell aus ihrem Zimmer. Die Jüdin aber gab keinen Ton von sich, noch veränderte sie die Stellung, welche sie bis dahin eingenommen hatte, sondern sie blieb tu einer Art kontemplativer Extase, und alle ihre Gedanken richteten sich nur gen Himmel. Es war unterdessen bereits Ln Fez bekannt geworden, daß binnen Kurzem eine junge, schöne Jüdin wegen Lästerungen gegen den Propheten hingerichtet werden würde, und die Mauren, deren religiöser Fanatismus seines Gleichen nicht hat, harrten diesem schrecklichen Schauspiele gleich einem fröhlichen Volksfeste mit Sehnsucht entgegen. Die Juden des Landes und vornehmlich die unglücklichen Eltern Sol's bemühten sich nochmals durch Mittel jeglicher Art die Rettung der Gefangenen zu bewirken — allein vergebens. Der Fanatismus hatte sich sein Opfer auserkoren, und wollte es für keinen Preis mehr aus seinen Händen geben. Am Tage vor der Ausführung des Richterspruches trat der Kadi gegen Abend mit zitternden Schritten in das Gemach Sol's ein, und fand die Jungfrau ruhig und gefaßt und in inbrünstige Gebete versunken. Rach einer langen Pause, während welcher der Kadi kein Wort über seine Lippen zu bringen vermochte, Hub er endlich an: „Sol, schöne Sol, ahnst Du die Ursache meines Kommens, weißt Du, daß die Augenblicke Deines irdischen Daseins gezählt sind?" — „Ich weiß es!" — „Hast Du über Dein künftiges Schicksal nachgedacht?" — „Wohl, Herr!" — „Und wozu hast Du Dich entschlossen?" — „Lasse mich zum Richtplatz führen!" — „Unglückliche, bedenke, was Tu sagst!" — „Ich habe es bedacht!" — „Armes, unglückliches Mädchen, Dein Andenken wird nie aus meinem Herzen schwinden." Nach diesen Worten gab der Kadi mit abgewendetem Antlitz einem anwesenden Soldaten ein Zeichen, und Sol wurde in's Gefängniß abgeführt. Ter folgende Tag war einer derjenigen, an welchem in jeder Woche Markt abgehalten wurde, und die Kunde von der Hinrichtung, welche sich mit Blitzesschnelle weit verbreitet hatte, hatte bereits am Tage vorher eine ungeheure Menschenmenge aus der Umgegend von Fez herbeigezogen. Um den Akt der Gerechtigkeit so öffentlich als möglich zu wachen, hatten die Behörden befohlen, die Hinrichtung auf dem Soco (dem großen Marktplatze zu Fez) stattfinden zu lassen. Mit Anbruch des Tages wurde auf diesem Platze ein starkes Piket Truppen ausgestellt, und ine unzählige Menschenmenge wogte bereits früh durch die Straßen und in der Rahe des Soco, das schreckliche Schauspiel erwartend. Die in Fez wohnenden Juden hatten, da sie es für unmöglich erkannten, die Gefangene noch zu retten, sich an den Kaiser mit der Bitte gewandt, die Leiche der Jüdin nach den Gebräuchen ihres Glaubens bestatten zu dürfen, und diese Bitte war ihnen gegen die Zahlung einer bedeutenden Summe Geldes gestattet worden. Die schöne Sol ergab sich indessen, den Moment ihres Todes ruhig erwartend, fortwährend heißen und inbrünstigen Gebeten hin, und bat den Allmächtigen um Stärke und Kraft, den letzten schweren Gang ihres Lebens mit Standhaftigkeit und Festigkeit gehen zu können. Sie hörte die Thüre des Gefängnisses sich öffnen, sie sah die Gefängnißwärter eintreten, aber unerschüttert trat sie ihnen entgegen, begrüßte sie freundlich und versprach, sich treu und gehorsam allen ihren Verordnungen zu fügen. Die abgehärteten und an Grausamkeit gewöhnten Schergen der Tyrannei aber befahlen ihr rauh, zum Richtplatze aufzubrechen, legten einen Strick um ihren schönen Hals und zogen sie an demselben mit sich fort, wie man ein Thier zur Schlachtbank führt. Die holde Jungfrau ging in ein weißes Gewand gehüllt, und die Augen zur Erde niedergeschlagen mit schwankendem und zitterndem Schritte hinter ihren Henkern her, und benetzte mit heißen Thränen den Boden. Ihre Züge sprachen die sanfteste Hingebung und den rührendsten Schmerz aus, welche jedes fühlende Herz zum Mitleide und zur regsten Theilnahme bewegen mußten: aber die fanatischen Mauren jedes Geschlechtes und Standes, welche in zahlloser Menge die Straßen anfüllten, kannten kein Gefühl, und stießen beim Anblick der Gefangenen ein mißtönendes Geschrei und Ausdrücke der Wuth und des Hasses aus. „Da kommt die Lästerin des Propheten," riefen sie aus, „sie sterbe den Tod der Sünder, sie sterbe, sterbe!" Mit Mühe bahnten sich die Begleiter der Gefangnen einen Weg durch die wogenden Menschenmassen, welche die Unglückliche verhöhnten, und ihres Schmerzes in roher Grausamkeit spotteten. Je näher der Trauerzug dem Soco kam, destomehr drängten sich die Haufen der Zuschauer, und der Marktplatz selbst, dessen Mitte das Militär-Detachement einuahm, war Kopf an Kopf mit Menschen besetzt, so wie auch alle anliegenden Häuser bis zum Giebel hinauf mit Neugierigen augefüllt waren. — Die Feder sträubt sich fast, das Weitere nur zu beschreiben, die Thräue fließt und das Herz erstirbt in der Brust bei dem Gedanken an das Schicksal der heroischen Märtyrerin, des Musters der Unschuld und der Tugend. Als die Gefangne auf dem inmitten des Soco