Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 43 (19.10.1846)
- Date
- 1846-10-19
- Page
- Seite 633 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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633 dürfen wir uns ihm widersetzen als der höchsten Autorität des Landes, welches uns gastfreundlich ausgenommen hat. Uebrigens giebt es gewisse Verhältnisse im menschlichen Leben, welche Gott in seiner erhabenen Weisheit duldet und verzeiht. Junges Mädchen, Du darfst nicht bloß an Dein eignes Schicksal denken; sieh, Du hast Eltern, einen Bruder und Verwandte, Du hast eine Menge von Mitbrüdern und Mitschwestern in diesem Lande, welche Alle Deinetwegen geächtet, verfolgt und theilweise vielleicht sogar hingeopfert werden werden. Wenn Du Maurin wirst, so befreist Du nicht nur Dich allein vom Tode, sondern Du ersparst auch allen den Deinen schwere Leiden; sei Deine Bekehrung auch nur scheinbar, so wird sie doch eine Menge von Unglück verhüten, und wir sichern Dir in diesem Falle im Namen Gottes seine Verzeihung und die Gewißheit der ewigen Seligkeit zu, und nehmen die Verantwortlich für Deine Handlung ganz auf unser Gewissen. Kaum hatte der Gelehrte seine Rede vollendet, so entgegnete Sol mit erhabener Wurde und festem Ausdrucke: „Gelehrte meines Glaubens, ich achte Euch hoch, aber wenn unser Gesetz nächst Gott den Fürsten zu verehren befiehlt, so kann der Fürst nicht die Vorschriften Gottes verletzen. Ich bin entschlossen, mein Leben auf den Altären meines Glaubens zum Opfer darzubringen; dieser Entschluß kann traurige Folgen haben, aber nur für mich; meine Eltern, mein Bruder, meine Verwandten und die anderen Juden werden vom Himmel Kraft bekommen, mein Unglück zu überleben, und die Macht der Vorsehung wird dem Arme des Fanatismus die tödtenden Waffen entreißen, auf daß er nicht mehr schaden kann. Die ewige Seligkeit aber kann nur durch Thaten der Tugend erworben werden, und wenn ich dem Glauben meiner Väter getreu bleibe, so ist dieses eine Tugend, welche selbst meinen Verfolgern Achtung eiuflößen und sie mit Scham und Reue erfüllen wird. Ich bitte Euch um Verzeihung, geehrte Männer, wenn ich Euch beleidigt habe; sagt meinen lieben Eltern, daß sie für immer in meinem Herzen leben, und dem Kadi, daß er mich nicht mehr mit Bekehrungsversuchen belästigen möge; mein Entschluß steht fest, und keine menschliche Macht vermag ihn zu erschüttern." Diese Worte sprach Sol mit solcher Festigkeit und Hoheit, daß die Gelehrten beschämt verstummten, und mit trauerndem Antlitze sich entfernten. Der Kadi, welcher die Unterhaltung von einem Nebenzimmer aus mit angehört hatte, trat denEhachamim entgegen und sagte ihnen: „Ich habe Alles mit angehört, seid unbesorgt, Ihr habt Eure Schuldigkeit gethan, ich werde Alles treu dem Kaiser berichten und bürge Euch dafür, daß er Euch nicht zürnen wird" — worauf er sie freundlich entließ. Er ging darauf schleunigst in sein Büreau, nahm die Papiere vor, welche von der Sache der Jüdin handelten, trug in dieselben die Lästerung ein, welche Sol wiederholt gegen den Propheten ausgesprochen hatte, und entschied sich für die öffentliche Enthauptung der Sünderin. Er eilte darauf in den Pallast des Kaisers, berichtete demselben Alles, was vorgefallen war, und legte ihm das Todesurtheil zur Unterschrift vor. Der Kaiser zeigte sich über diesen Ausgang der Sache tief bewegt, und rief im Tone des tiefsten Mitgefühls aus: „Es giebt also kein andres Mittel mehr und die Jüdin muß sterben?" — „Herr," erwiderte der Kadi, „das Gesetz verurtheilt sie, und es bleibt kein Mittel zu ihrer Rettung mehr übrig." — „Nun denn," cntgcgnete der Kaiser, „ich gebe dennoch noch nicht jede Hoffnung auf; sorge dafür, daß die Handhabung der Gerechtigkeit so öffentlich als möglich geschehe; laß alle Truppen, welche in Fez und in der Umgebung stalionirt sind, zusammenrusen und besieht dem Scharfrichter, die Jüdin nicht sogleich zu tödten, sondern sie zuerst nur leicht zu verwunden, damit sie, wenn sie ihr Blut stießen sieht, eingcschuchtert werde und vielleicht dann den Uebertritt nicht länger weigere. Jetzt entferne Dich, Du hast mich durch Deinen Urtheilsspruch tief betrübt, und wich jammert das Schicksal des eben so schönen als liebenswürdigen Mädchens; ich schärfe Dir nochmals ein, kein Mittel zu ihrer Rettung unversucht zu lassen." Mit zitternder Hand Unterzeichnete der Kaiser darauf den Todesspruch und wandte dem Kadi erschüttert den Rücken. Letzterer erkannte sehr wohl den Widerwillen des Kaisers gegen den Gedanken an die Hinrichtung der Jüdin, aber er vermochte Nichts für dieselbe zu thun; das eben so barbarische als tyrannische Gesetz siand unerschütterlich fest, und es blieb nichts Anderes übrig, als dasselbe in Ausübung zu bringen. Der Kadi kehrte nun zunächst ohne Säumen zu Sol zurück, welche er auf den Knieen liegend, im Gebete versunken vorfand, und sagte, ihr das Todesurtheil überreichend: „Hier hast Du Deinen Urtheilsspruch, Sol, Dein Haupt wird in den Staub rollen, Dein Blut den Boden färben und die Verwünschungen Tausender Deiner Leiche Nachfolgen. Dein Ende ist nah, aber noch steht es bei Dir, Dein Leben zu retten, und mit Jasmin bekränzt dem Kaiser Dich vorzustellen — oder zum Tode geführt zu werden. Wähle und entscheide Dich." 43*