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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-10-12 · Heft 42 (12.10.1846) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 42 (12.10.1846)
Date
1846-10-12
Page
Seite 620 (sequence 12)
Language
German
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620 geboren; die Erziehung, die er erhält, und die Eindrücke seiner frühen Jugend fassen feste Wurzeln Ln seinem Herzen, und werden für ihn zu einem Gesetz, welches seine ganze Handlungsweise beherrscht: der Katholik wird nie ein wahrhaft guter Maure sein können. — Ohne seinen Willen wird auch der Jude als Jude geboren, die Lehren seines Glaubens, die Gebräuche und Zeremonien desselben werden ihm früh schon beigebracht und als heilig geschildert; mehr oder weniger wird er an ihnen stets festhalten, und mag er von denselben nur wenige beobachten, sein Herz wird stets das eines Juden sein. — Ohne seinen Willen wird auch im Lande der Muhamedaner der Maure als Maure geboren, von seiner frühesten Kindheit hört er den Ruhm des Propheten und des Alkorans erschallen, er lernt alle seine Hoffnungen auf den Propheten setzen, all' sein Glück und seinen Ruhm; außer dem Buche seines Gesetzes giebt es kein Gesetz für ihn, und außer seinem Glauben erkennt er keinen wahren Glauben au. — Ohne seinen Willen wird fern von menschlicher Gesellschaft der Wilde geboren, die Natur sorgt kaum mehr für ihn als für die Thicre des Waldes, aber sie entwickelt früh seinen Charakter und regt ihn;um Nachdenken an. Da er keine anderen Wesen um sich sieht, welche ihm gleichen, so lernt er sich selbst nicht erkennen, er ahmt nach, was er steht und Hort und weiß gar nichts. Aber inmitten seines mühevollen Lebens hebt er seine Augen gen Himmel, er schaut bewundernd Tag und Nacht, die Gestirne des Himmels an, und sucht dort, was er auf Erden nicht zu finden vermag, was er aber in seinem Innern ahnt und fühlt — ein höheres Wesen, den Schöpfer alles dessen, was ihn umgicbt. Dieser Wilde empfängt in seiner Einsamkeit gewisse Eindrücke, welche die Zivilisation ihm niemals ganz zu nehmen vermag. ... Freundliche Herrin, ich wiederhole, was ich schon früher gesagt, ich kann diesen Garten nicht mein nennen, weil man mir dabei eine Bedingung aufcrlegt. Ware ich falsch und hinterlistig, so konnte ich sie scheinbar eingehen, aber ich will weder Andere noch mich täuschen. Traun gar feige würde es von mir sein, wollte ich vergeben, zum Glauben des Propheten übergehen zu wollen und den meinigen aufzugeben, die Religion prägt sich nnverlöfchlich in das Herz ein, und nur der Tob vermag mit dem Leben auch diesen Eindruck aufzuheben." „Alle Religionen sind also, schöne Jüdin, nach Deiner Ansicht gut/' entgegnete die maurische Prinzessin. — „Das sage ich nicht, o Herrin/' erwiderte Sol, „aber weder ich kann dafür, daß ich Jüdin bin, noch Du, daß Du Maurin bist, und die Religion darf nicht als Ursache dazu dienen, die Menschheit zu tyrannistren. Denn weder die Männer noch die Frauen wählen sich selbst ihren Glauben aus, sondern sie empfangen ihn an der Stätte ihrer Geburt von ihren Erzeugern, sie werden in demselben erzogen, und er prägt sich fest in ihr Herz ein." — „Aber, liebe Sol, ich darf Dich nicht lieben, wenn Du nicht Maurin wirst!" — „Herrin, welch ein hartes Wort sprichst Du da aus; der Gott, den Ihr verehrt, kann Euch unmöglich dieses schreckliche Gebot gegeben haben; Ihr und ich, wir sind ja Alle seine Geschöpfe, beide suchen wir ihn auf, nur auf verschiedenen Wegen, und er, der Gott der Gerechtigkeit, der Milde und der Liebe, er kann nicht wollen, daß wir uns gegenseitig mit Zorn, Haß und Rachsucht verfolgen." Als die maurische Prinzessin Sol also sprechen horte, begann sie schon fast die Hoffnung aufzugeben, sie zu überzeugen, und da bereits die Stunde herannahte, zu welcher die Jüdin dem Kaiser vorgestellt werden sollte, so zog sie sich mit ihren Damen in das Innere ihrer Gemächer zurück. Bald darauf erschien eine weißgekleidete Negerin, welche Sol davon benachrichtigte, daß sie von Kaidmia, dem Adjutanten des Kaisers, im Vorzimmer erwartet würde, worauf sie alsbald sich zu diesem verfügte. Derselbe führte nun die schöne Jüdin vor den Kaiser, welcher sie auf einem prächtigen Divan mit Kiffen von karmoistnrother Seide und reicher goldner Verzierung sitzend empfing. Unweit von ihm befand sich ein zweiter Divan, auf welchen er der jungen Jüdin sich niederzulaffen befahl, und nachdem die aufwartenden Sklaven Esfa und feinen Thee auf prächtigen Gefäßen servirt hatten, richtete der Kaiser freundliche und gewinnende Worte an Sol, und sagte ihr, daß er sehr viel Gutes und Rühmliches von ihr gehört habe, daß er wisse, wie hartnäckig sie bis jetzt allen Aufforderungen, den Glauben des Propheten anzunehmen, widerstanden sei, daß er dieses aber nur für eine zu weit getriebene Schwärmerei von ihrer Seite halte und hoffe, daß sie bald ihren Entschluß ändern würde. „Du nennst Dich Sol," fuhr er darauf fort, „nicht wahr?"—„Ja Herr," entgegnete die Jüdin. „Nun denn, liebe Sol, ich habe Dir ein Geschenk zugedacht, welches Dir sicher bis jetzt nicht in den Sinn gekommen sein wird. So wie der Gouverneur von Tanger mir von Deiner Schönheit und Deiner Bescheidenheit Kunde gab, beschloß ich, daß Du eine der Zierden meines Hofes sein solltest. Ich sah Dich an dem Tage, als Du in Fez anlangtest, und Du gefielst mir alsbald, aber ich

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