Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 42 (12.10.1846)
- Date
- 1846-10-12
- Page
- Seite 619 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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619 sangene inmitten eines feinen Drathnetzes, welches sie verhindert, diesen Ort zu verlassen. Auch ihr, o Vögel, seid nicht glücklich, denn die Gefangenschaft, mag sie auch noch so sehr gemildert sein, bleibt stets ein Unglück." Während sich so die schöne Jüdin ihren trüben Träumen hingab, näherte sich ihr eine der Maurinnen, welche ihr zur Bedienung gegeben worden war, und begrüßte sie ehrerbietig. Sol erwiederte ihren Gruß auf's Freundlichste, und sprach vor ihr ihr hohes Entzücken über diesen reizenden Aufenthalt aus. „Mit Freuden sehe ich, o Herrin," entgegnete die Maurin, „daß dieser schöne Garten und Alles, was Du hier siehst, Dir gefällt; sieh, dieses Alles ist Dein, sobald Du zu den Gläubigen hinübertrittst, ich verspreche es Dir im Namen meines Herrn und Gebieters. Komm mit mir in den Garten hinab, Ln seine künstlichen Grotten, zu seinen krystallhellen Quellen und diamantglänzenden Springbrunnen, zu seinen an silberstrahlenden Fischen reichen Teichen, zu seinen prachtvollen, mit Jaspis und kostbaren Muscheln gezierten Bädern; der herrlichste Wohlgeruch wird Dir allenthalben entgegenduften, der fernste Geschmack, der höchste Glanz und der üppigste Reichthum Dir überall entgegenstrahlen. Hat Dein Auge je etwas Schöneres, etwas Paradiesischeres gesehen, — sprich nur ein Wort aus und alles dieses ist Dein!" „Wol ist's hier schön," entgegnete mild die schöne Jungfrau, „und bewundernd schaue ich auf die Kunst des Menschen, wie weit sie der Natur nachzuahmen vermag, aber dennoch fehlt bei diesen Werken der Kunst stets Etwas. — Und was? — Die Herrlichkeit der Werke der Natur, welche bis jetzt noch kein Künstler nachzuahmen uud wiederzugeben vermocht hat. Ich erinnere mich eines dichten Haines auf der Höhe eines Berges, durch welchen Ln muthwilligen Sprüngen ein schmaler Bergstrom hindurchfloß, welcher, bevor er sich in ein tiefes Thal hinabsiürzte, eine große Wiese bespülte, auf welcher die reizendsten und schönsten Blumen emporsproffen. Mit genäschigter Freude pflückte ich mir die Früchte des Waldes und genoß sie Lm Schatten der mächtigen Kastanienbäume, vor mir eine Reihe von WeLnstöcken, deren riesige Reben durch anderes Gesträuch sich hindurchschlängelnd eine runde Pyramide mit Zinnen uud Thürmchen darfiellten, und mit den schön gewundensten Bögen den wenig beschritteueu Fußpfad bedeckten. Das Rebhuhn rief seinen Jungen, und sie erhoben sich im Fluge vom Boden, auf dem sie gespielt; der Schwan schaukelte sich stolz auf den Wellchen, und warf plätschernd die Waffmropfcn in tausend Diamanten um sich her, der Wind trug süße Wohlgerüche mir entgegen und meine Brust athmete die reinste Luft ein. Damals klopfte mein Herz nicht, wie jetzt, der heilige Tempel der Mutter Natur umgab mich mit seinem wonniglichen Schauer — hier muß ich staunen, bewundernd zagen, aber jenen Eindruck fühl' ich nicht, und ich würde gegen die Natur sündigen, wenn ich daran denken sollte, dieses Alles mein zu nennen." Die Maurin schwieg Anfangs betroffen von der Kraft des Ausdruckes der jungen Jüdin und der schlauen Klugheit, mit welcher dieselbe ihrer Aufforderung ausgewichen war, aber treu ihrem Vorsatze, sie für sich zu gewinnen, überhäufte sie Sol mit Liebkosungen, und bat dieselbe um Ertaubniß, auch ihre Gefährtinnen herbeizuholen, damit sie an der Unterhaltung Theil nehmen können. Sol sah sich bald von denselben maurischen Damen umgeben, welche sie am Tage zuvor im Pallaste empfangen hatten, unter ihnen befand sich aber dieses Mal eine Sol noch unbekannte stattliche und blendend schöne Dame — es war die Gattin des Prinzen. Die Damen begrüßten Sol auf'S Freundlichste, fragten, wie sie die Nacht zugebracht hatte und bewiesen ihr die zarteste und freundschaftlichste Theiluahme. Die maurische Dame aber, mit welcher Sol zuerst allein gewesen war, brachte bald das Gespräch auf das frühere Thema zurück, und erzählte, wie die Jüdin davon gesprochen, daß sie gegen die Natur sündigen würde, wenn sie diesen schönen Garten zu besitzen wünschte. Die Gemahlin des Prinzen fragte Sol um die Ursache dieses Ausdruckes, da sie es für grausam hielte irgend ein menschliches Wesen gegen seinen Willen selbst zu etwas anscheinend Erfreulichem zu zwingen, worauf die Jüdin mit weicher aber fester Stimme antwortete: „Herrin, ich höre von Dir die Sprache der Wahrheit, und Du sollst auch von mir die Sprache des Zutrauens hören. Im Walde wird der Löwe geboren, und schon vor der Geburt schreibt ihm die Natur seine Bestimmung als Raubthier vor. Diese Bestimmung ist für ihn ein unverletzliches Gesetz, und mag man ihn auch noch so sehr zu zähmen versuchen, seine wilde Natur wird man nie ganz zu unterdrücken vermögen — der Löwe wird stets Löwe bleiben. Es wächst die Steineiche in den waldigen Räumen der Berge, die Hand des Menschen vermag wol sie in die Korkeiche umzuwandeln, aber obwol beide einer und derselben Gattung angehören, wird doch die Wurzel, das Mark und die Substanz, von welcher sie sich nährt, der Steineiche als solcher eigenthümlich bleiben. — Im Lande der Christen wird ohne eignen Willen der Katholik