Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1846)
- Date
- 1846-10-05
- Page
- Seite 606 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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606 welcher seiner Tochter von Weitem folge und sie'nicht aus den Augen verlöre. Es war sehr schwer Jemand aufzufinden, welcher diesem mißlichen Auftrag sich unterziehen mochte, zumal bei dem strengen Verbote des Statthalters. Endlich jedoch fand sich ein wenig in diesem Lande bekannter Jude, welcher den Auftrag annahm, und mit dem nöthigen Gelde versehen sich zur Reise anschickte. Die arme Simha hatte währenddem in untröstlichem Schmerze ihr Zimmer gehütet, als sie aber von der Fortführung ihrer geliebten Tochter hörte, entschloß sie sich, dieselbe von einem verborgnen Orte aus abreisen zu sehen, um wenigstens ihres Anblickes noch einmal zu genießen. Der übrige Theil des Tages und die folgende Nacht waren Momente der Angst und Trauer nicht nur für die Eltern und den Bruder Sols, sondern auch für die anderen Mitglieder ihrer Familie, welche in Haim's Hause versammelt mit den Unglücklichen klagten und trauerten. Sol aber, dieses beueidenswerthe Opferlamm, hörte, als ihr der Befehl zu ihrer Abführung mitgetheilt wurde, denselben mit unerschütterlichem Gleichmuthe an, und nur ein tief der Brust entquellender Seufzer zeigte die Stimmung ihres Innern an. O der schrecklichen Lage! Eine Stunde vor Sonnenaufgang fand sich au der Thüre des Gefängnisses ein Mulatte, häßlicher als die Rächt, ein, welcher zwei muntere Maulthiere führte, und kurze Zeit darauf stellte sich in der Nahe ein Häuflein von fünfzig Kriegern auf, welches den Transport der Gefangnen zu eskortiren bestimmt war. Die Eltern, der Bruder und andere Verwandte der Letzter» hatten sich in einiger Entfernung an einem verborgnen Orte aufgestellt, um die Trauerszene ungesehen mit anschauen zu können; sie mußten, um nicht entdeckt zu werden, jede Aeußerung des Schmerzes und des Jammers unterdrücken, und in die Tiefe des Herzens ihre wogenden Gefühle zurückdrängen. Schon begann es im fernen Osten zn tagen, da erschien an der Pforte des Gefängnisses die schöne Sol, und ihr Anblick erschütterte ihre Mutter so sehr, daß sie ohnmächtig in die Arme ihres Gatten sank. Sol kam, auf den Mulatten gestützt, mit schwankenden und unsicheren Schritten hervor; ihr Antlitz war bleich, aber ihre tiefschwarzen Augen glänzten lebhaft und schauten frei nach allen Seiten umher. Die zurückgesiochtenen Haare deckend wallte nach hinten in anmuthiger Faltenbildung ein weißer Schleier herab, und ein dunkelblaues Gewand umschloß den schönen Körper, den Ausdruck des Ernstes und der Hoheit vor sich tragend. Um die zarten Knöchel liefen die schwarzen Eisenringe einer Kette, so daß die Gefangene nur mühsam vorwärts schreiten konnte; tiefes Schweigen herrschte ringsum, nur von leisen fernher tönenden Seufzern unterbrochen. Während der Mulatte das Sattelgeschirr ordnete, wandte die schöne Sol ihr Antlitz nach der Seite hin, wo sich ihre unglücklichen Eltern befanden, als ob sie deren Gegenwart geahnet hätte, ließ sich mit Hülfe eines Soldaten auf die Kniee nieder, faltete ihre Hände über der Brust und rief, die Augen gen Himmel gewandt, mit bewegter Stimme aus: „Gott Abrahams, Du, der Du meine Unschuld kennst und mein Inneres durchschaust, empfange das Opfer, welches ich jetzt Dir bringe, indem ich die Stätte meiner Geburt, meine Eltern, meinen Bruder und meine Verwandten verlasse, tröste sie über meine Abwesenheit, stärke ihren Geist und ihren Muth und entziehe Deine Gnade nicht diesen jetzt zu Dir flehenden unglücklichen Geschöpfen, auf daß ich Deinen Geboten treu bleibend dereinst gewürdigt werde, in die Wohnung der Gerechten einzuziehen mit den Glücklichen, die Du zur Verherrlichung Deines Namens Dir auserwähtst." Nach diesen Worten verweilte sie in einer Art von schwärmerischer Inbrunst noch einige Minuten in derselben Stellung, bis der Mulatte sie unsanft anfließ und ihr das Maulthier zu besteigen gebot. Sol wurde nun rasch in den Sattel gehoben, ihre von der Kette umschlungenen Füße wurden außerdem mit einem starken Stricke umwunden, welcher auch ihre Hände umschloß und in die zarte Haut schnitt; in vielfachen Windungen liefen andere Stricke um ihren Körper, welche denselben an das Geschirr des Thieres befestigten und der grausame Mulatte erfreute sich daran, die Riemen stark anziehend, die arme Gefangne vor Schmerz erbeben zu sehen: sie aber stieß keinen Laut der Klage aus, sondern blickte ruhig und ernst vor sich hin. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, schwang sich der Mulatte in den Sattel, ergriff mit der einen Hand den Zügel des Maulthieres der Gefangnen, gab seinem Thiere die Sporen, und trabte, von der Eskorte gefolgt, rasch vorwärts; aus der aufwirbelnden Staubwolke ertönte noch Sols klagende, herzzerreißende Stimme: „Lebe wohl auf ewig, mein theures Vaterland, lebe wohl, lebe wohl." Die armen, unglücklichen Eltern folgten mit starrem Blick so lange sie^ es vermochten ihrer enteilenden Tochter nach, der übermächtige Schmerz ließ die Thräne im Auge versiegen und das Wort auf der Lippe ersterben, und lastete