Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1846)
- Date
- 1846-10-05
- Page
- Seite 607 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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gleich einer Hand von Eisen auf ihrer Brust. Ihr trockues Auge starrte mechanisch das Himmelsgewölbe an, und der azurblaue, ewig heitre Himmel Afrikas erschien ihnen wie ein großes Blutmeer; mit zitternden Händen zerrauften sie das Haar, zerrissen ihr Gewand und stürzten bewußtlos auf den Boden nieder. Sie kehrten zwar bald zum Bewußtsein und zum Leben zurück, aber nur um sich ganz ihrem tiefen, bodenlosen Schmerze hinzugeben, der dennoch noch nicht alle seine Bitterkeiten über sie ausgegoffen hatte. Die schöne Sol setzte indeß ihre Reise ohne Aufenthalt fort, und entfernte sich immer weiter von dergelieb-;tt Eeburtssiätie, ohne jedoch ein Wort der Klage laut werden zu lassen. Nachdem etwa drei Meilen zurückgelegt worden waren, kam dem Zuge wie durch Zufall ein Mann entgegen, welcher sich den Reisenden anschloß. Es war jener Jude, welcher den Auftrag übernommen hatte, die Gefangene nicht aus dem Auge zu verliere^; er machte sich an die Soldaten, denen er völlig unbekannt war, fragte sie nach der Ursache dieses Zuges, als ob er von Nichts wisse, und erwarb sich bald ihr Vertrauen besonders dadurch, daß er die Gefangene aufforderte, doch den Glauben des Propheten anzunehmen. Unbemerkt gab er jedoch derselben durch Zeichen zu verstehen, daß er zu ihrem Schutze ihr beigegeben sei, und setzte dann mit der Eskorte die Reise fort. Sechs Tage dauerte der Weg nach Fez, und bei Nacht wurde gerastet. Alle, welche die Gefangene sahen, fragten nach der Ursache ihres harten Looses und bestürmten sie, nachdem sie dieselbe erfahren hatten, mit Bitten, doch Maurin zu werden: aber Sol hörte Alle ruhig und bescheiden an, und erklärte fest, eher ihr Leben zum Opfer zu bringen, als den Glauben ihrer Väter abzuschwören. Ein solcher Heldenmuth erregte allgemeine Bewunderung und Theilnahme, und Keiner wagte, die Gefangene auch nur mit einem Blicke zu beleidigen oder zu kränken. Der Jude, welcher unter dem Vorwände Geschäfsangelegenheiten halber nach Fez zu gehen der Eskorte sich angeschlosscn hatte, näherte sich bei einer passenden Gelegenheit der Gefangenen, und raunte ihr verstohlen Grüße von ihren Eltern und ihrem Bruder zu, so wie er ihr auch den erhaltenen Auftrag mittheilte. Sol dankte ihm für seine Theiluahme und bat ihn, ihren Eltern zu sagen, daß sie keinen Augenblick derselben vergesse, und deren Schmerz weit tiefer als ihre eigenen Leiden empfände. Nach zahllosen Mühseligkeiten und Strapazen langte endlich die arme Gefangene an den Thoren der Residenz des Kaisers von Marokko an, und ein Soldat von der Eskorte eilte voraus, um dem Kaiser die Ankunft der Jüdin anzuzeigen. Dieser befahl sogleich seinem Sohne, mit einem glänzenden Gefolge der Gefangenen entgegenzureiten, und sie in den kaiserlichen Pallast zu führen. Der Kaiser beabsichtigte durch diesen Aufzug ohne Zweifel die Jüdin in Staunen zu versetzen, ihre Neugierde rege zu machen und ihren Augen eine so große Zahl ritterlicher, wohlgestalteter und kostbar geschmückter Jünglinge vorüberzuführen, um ihre Neigung für Einen derselben zu erwecken, und dadurch das widerspenstige Mädchen um so eher zum Uebertritte zu bewegen — allein der auf Sol hervorgebrachte Eindruck war ein ganz andrer. Der Prinz sowol wie der Letzte seines Gefolges würden, als sie bei der schönen Sol anlangten, ein Jeder gern sie zu der Seinigen gemacht haben, indem die Unermeßlichkeit ihrer Reize und der schönste Ausdruck der Liebe, welcher in ihrem sanften aber ausdrucksvollen Auge glänzte. Keinen, welcher sie nur erst einmal erschaut, gleichgiltig lassen konnten — sie selbst aber sah in dem prächtigen Aufzuge Nichts als das Vorspiel zu neuen Leiden, und weit entfernt davon irgend einer der Leidenschaften sich hinzugeben, welche Glanz, Reichthum und Schönheit in jugendlichen Gemüthern hervorzurufen pflegen, wandte sie trüb ihr Auge von den glänzenden Turbanen und dem leuchtenden Halbmonde ab. Am Pallaste angekommen ward sie in einen prächtigen Salon geführt, welcher mit arabischer Prachtliebe reich ausgeschmückt war, und alsbald erschienen sechs reizende Maurinnen, um ihre Befehle zu empfangen. Von den Anstrengungen der Reise ermüdet und vom Staube belästigt bat sie nur um etwas Wasser, sich zu waschen und um eine Kammer, sich auszuruhen. Kaum hatte sie diese Wünsche ausgesprochen, als ihr von weißgekleideten Jungfrauen glänzende silberne Waschgesäße entgegen gebracht wurden. Die feinste holländische Leinwand, die wohlriechendsten Essenzen Arabiens und die reichsten und prachtvollsten Gewänder standen ihr zu Gebote, aber die bescheidene und demüthige Sol machte kaum von dem Allernothwendigsten Gebrauch, ohne eine Miene zu verändern. Eine der anfwartenden Damen sagte ihr, daß sie beauftragt sei, sie nach der Weise des Landes zu kleiden, und bat sie, eins der vorliegenden Gewänder sich auszuwählen. Vergebens sträubte sich Sol dagegen, und entschied sich, endlich den dringenden Bitten der Maurinnen nachgebend, für ein schwarzes Kleid mit weißen Spitzen als das Sinnbild der Trauer ihres Herzens, worauf sie