Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1846)
- Date
- 1846-10-05
- Page
- Seite 604 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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604 rings um dasselbe Reigentänze auf, ich selbst saß inmitten zarter Kinder und spielte mit ihnen, Du aber, lieber Vater, gebotest uns Stille, um nicht die Nachbarn im Schlafe zu stören, und Du, meine Mutter, standest Ln himmlischer Schöne lächelnd neben uns. Aber Alles dauerte nur einen Augenblick, und war verschwunden!" — „Arme Sol, vergiß die Täuschungen des Traumes," und denke an die Gegenwart. Was hast Du über Deine Zukunft beschlossen, und hast Du an Deine Befreiung aus dieses Kerkers Mauern gedacht?" — „Nein, lieber Vater, ich habe nicht daran gedacht, denn ich bin entschlossen, meinem Vorhaben treu zu bleiben. Wenn die Tyrannei ihr Vergnügen daran findet, ihre Opfer leiden zu sehen, und sich an den Qualen derer ergötzt, welche sie unterdrückt — nun so haben diese inmitten ihres Schmerzes und ihrer Leiden doch auch ihre Freuden, und zwar größere und herrlichere als es auf den ersten Blick wol scheinen möchte." „Du schwärmst, liebe Sol," rief die Mutter aus, „welche Freuden kann wol ein Gefangner genießen?" — „Gewiß, meine Mutter, gar viele; gereicht es nicht zur Freude, den Stolz des Despoten gedemüthigt zu sehen, dem sein eiserner Szepter nicht genützt, um sein Verlangen zu befriedigen — auf seinem Antlitze die Zeichen seiner inner» Wuth, seiner Verzweiflung zu erblicken und selbst im Kerker des Tyrannen Grimm zu spotten? Wer steht nun wol herrlicher und ruhmreicher da, der besiegte Unterdrücker oder der siegreiche Unterdrückte?" Voll Bewunderung hörten die Eltern diese mutherfüllten Worte ihrer Tochter an und sprachen: „So geschehe denn der Wille des Herrn, in dessen Hände Du Dein Schicksal gelegt hast." Sie theilten sich nun gegenseitig ihre Pläne und Hoffnungen für die Zukunft mit, und nahmen, als die Stunde der Trennung gekommen war, auf's Zärtlichste von einander Abschied. Der Gouverneur hatte unterdessen die junge Jüdin nicht aus seinem Gedächtnisse verloren, sondern ließ sich täglich danach erkundigen, ob sie ihre Gesinnung geändert habe, und ließ endlich nach drei Tagen bei ihr anfragen, ob sie sich nun entschlossen habe, den Glauben des Propheten anzunehmen. Der Uederbringer dieser Botschaft war einer der Sekretäre des Statthalters, welcher bei seinem Eintritte in's Gefängniß von der Schönheit der Jungfrau wie geblendet dastand. Mit Milde und gewinnender Freundlichkeit richtete er au die Gefangene mehrere Fragen über ihre Lage, und theilte ihr darauf die Botschaft seines Herrn mit. Die Gefangene nahm, so wie sie dieselbe gehört, eine stolze nnd iglponirende Stellung an, ihre Augen erglänzten im Feuer der Begeisterung und kühnlichen Muthes, und mit fester Stimme sprach sie zum Boten des Gouverneurs: „Sagt Eurem Herrn von mir, daß wenn er nicht mit den Leiden zufrieden ist, die er bis jetzt auf mich gehäuft, er neue Qualen ersinnen möge, die Jüdin Sol wird sie als eine gerechte Strafe des Himmels für ihre Sünden aufnehmen, allein Türkin wird sie niemals werden." Nach diesen Worten machte sie eine leichte Verbeugung, und wandte stolz ihr Haupt nach einer andern Seite hin. Der Sekretär ward bleich wie Wachs vor Beschämung, ging eiligst von dannen, und überbrachte treu die Worte der Gefangnen dem Gouverneur, welcher vor Wuth erglühend befahl, sie sogleich mit Ketten zu belasten. Die Häscher des Tyrannen, gewohnt sich an den Qualen der Opfer desselben zu weiden, schleppten die arme Sol aus ihrer Zelle in ein feuchtes, unterirdisches Gemach, in welchem aus Ermangelung der Fenster eine ewige Nacht herrschte, und legten um ihren weißen, schlanken Hals ein eisernes Halsband, von welchem vier in einander verschlungene Ketten ausgingcn, und Hand und Fuß fesselnd umschlangen. Die Wucht des schweren Metalls gestattete der Unglücklichen nicht, aufrecht zu stehen, und der bloße, harte Boden war das Bett, auf welches sie ihren gequälten Körper hinzustrecken gezwungen war. Traurig und beängstigend war in der That die grausige Einsamkeit, zu welcher dieser Engel der Tugend sich verdammt sah, aber Nichts vermochte ihren Muth zu erschüttern und ihren Willen zu beugen. „Diese Stille," sagte sie, „dieses öde Schweigen erinnert mich an das des Todes; inmitten dieser Nacht und meiner Leiden erschaue ich ein göttliches Wesen, welches gnädig auf mich herblickt, und mit süßen Erinnerungen und sanfter Tröstung mein Gemüth beruhigt. Ich erschaue ein körperloses Wesen, schöner als ich es je in meinem Leben gesehen habe; es spricht mit mir, obwol ich keinen Laut vernehme, aber ein Echo von anderen Welten her ertönt in mein Inneres hinein, und entführt meinen Geist in eine Welt, die nicht der Erde angehört. Ich erblicke zahllose Wesen, welche keine körperliche Wesen sind, die sich ehrerbietig vor der Majestät Gottes neigen. Die Sonne, die Erde, die Sterne, die Menschen, die Thiere und das große Meer horchen auf seine Befehle, und bewegen sich auf sein Geheiß; er ist allenthalben, er ist auch hier mir zur Seite, und hat selbst den Würmern dieses Aufenthaltes Stillschweigen auferlegt, auf daß sie meine Betrachtungen nicht