Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 41 (5.10.1846)
- Date
- 1846-10-05
- Page
- Seite 601 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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601 zur unabweisbaren Pflicht, der vaterländischen Sprache kundig zu sein, und wo praktischer Nutzen winkt, da bleibt heute Keiner, am Wenigsten der Jude zurück. Die im Vereinslokale aufgelegten Bücher und Zeitungen bieten allerdings denjenigen, die das Kaffee- .haus nicht besuchen (was aber bei dem hiesigen Kaffeehaüvleben kaum Einer von Zehn!) und sonst keine Gelegenheit haben sich diese verschaffen zu können, eine sehr angenehme Gelegenheit zum Lesen des Ungarischen; einerseits ist die Zahl dieser sehr gering (von den vierthalbhundert Vercinsmitgliedern wird der Saal — außergewöhnliche Gelegenheiten abgerechnet — täglich von nicht mehr als 4—5 Personen, stets dieselben, besucht!!), andrerseits bloß lokalen Interesses und keineswegs genug, um den etwas vielsagenden Titel „zur Verbreitung des Ungarischen unter den Israeliten Ungarn's" mit Recht beanspruchen zu können. Doch wer kümmert sich um all' diese Inkonsequenzen, um all' diese Fehl- und Mißgriffe, um all' diese unnütz vergeudeten und anderswo dringend noththuenden Kräfte und Mittel?! Hat man doch trotzdem den eigentlichen, wenn auch nicht deutlich ausgesprochenen Zweck seines Strebens erreicht, indem man in den ungarischen Journalen fleißig liest, wie wunderbar schnell sich unsere Juden magyarisiren, indem sie Vereine zur Verbreitung der Nationalsprache gründen, diese bereits in Schule und Tempel zur Unterrichts- und Predigtsprache gemacht rc.??... Kann man mehr verlangen? Brauchen wir mehr, um den Messias vor der Thüre zu sehen???*) 6. Elin. Pesth, 15. September. (Privatmitth.) Wenn ich Ihnen heute über die Pesther Zeitung resp. ihr Verhalten der Judenfrage gegenüber Etwas berichte, so geschieht's wahrlich nur, um die in No. 35 entworfene Skizze zu vervollständigen und mein daselbst gegebenes Versprechen zu lösen, keineswegs aber gegen *) Den obigen Artikel haben wir gern ausgenommen, da er für daS nationale Streben unserer ungarischeil Glaubensgenossen, aber gegen jedes scheinbare und sorcirte Wesen sich aussprichl. Längst hatten wir ein ähnliches Urtheil, aber als Ausländer schien uns die Darstellung eines solchen nicht jnzustehen. Es ist eine Zeit, wo aller Schein unnütz und schädlich ist, und nur kräftiges Streben und gediegenes Wesen die Palme erringt. Redaktion. selbe polemisiren und ihre gehässigkeitgeschwängerten Ausfälle widerlegen zu wollen. Gott sei Dank, die Pesther hat wie so manche Feinde der gute Sache sich bereits selbst gerichtet und aller Welt geoffenbart, welcher Quelle ihr spekulirender Judenhaß entfließt. Während früher jeder ihrer Angriffe — und war er noch so vernunftlos und abgedroschen — den ungarischen Juden schmerzlich berührte, weil man ihr bei ihrem bedeutenden Lesekreise allgemeine Achtung zollte und sie darum maßgebend auf die Ansichten desselben einwirken konnte, wird heute der Vernünftigere es nur bedauern, daß ein literarisches Institut, ein Zeitorgan heute in der Zeit des Humanism und des Liberalism so weit seine Würde mit Füßen treten kann und sich nicht entblödet, die Fahne mittels alterlichsinstrer Intoleranz und barbareierzeugten Judenhasses auszustecken, um dadurch aus dem niedern oder höher» Pöbelhaufen eine größere Abonnentenschaar in seine Reihen zu bringen. Denn daß der Judenhaß der „Pesther" total prinziplos und bloß auf die Sympathien seines Lesepublikums — der k. freistädtischen Spießbürger — berechnet war, zeigt die totale Prinzip- und Tendcnzlosigkeit, zu der sie nun bereits herabgesunken, wie die „beispiellosen Gemeinheiten", die sie sich jetzt tagtäglich zu Schulden kommen läßt, und die ihr mit Recht die Gunst aller Gebildeteren ent- und deren Verachtung zugezogen. Gegen ihren Judenhaß ankämpfen und ihr diesen mit Gründen benehmen wollen, wäre nichts anderes als ein donquirotischer Windmühlenkampf, so lange wir nicht den einzigen zu ihrer Bekehrung zureichenden Grund, daß nämlich die Juden freu ndlichkeit einträglicher sei, hcranbringen können, ... und das vermögen wir nicht! Denn leider ist noch der größte Theil des Publikums für eine deutsche politische Zeitung in Ungarn judenfeindlich. Es sind dies die deutschen Bürger, die fest an ihrem Michelrhum hangend durchaus den Vorurtheilszvpf nicht ablegen wollen. Und es ist allerdings sonderbar, daß die Deutschen, die erst im 4. Jahrhundert der ungarischen Ansiedlung in's Land berufen wurden und zwar nicht in der löblichsten Absicht, sondern — von dem (einen ganz andern Sinn in sich bergenden als aussagenden!) Grundsatz Stefans: „nam unius linguae, uniusque moris Itegnum fragile et inibecille est“ geleitet — um den Machthabern als Stütze gegen die Uebergriffe der eignen Nation zu dienen, während 41*