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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-09-21 · Heft 39 (21.9.1846) · p. Seite 574

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 39 (21.9.1846)
Date
1846-09-21
Page
Seite 574 (sequence 10)
Language
German
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574 die Opfer, welche sie bringt, Ln dem Bewußtsein Entschädigung zu suchen, daß sie um ihrer Minderzahl willen eine heilige Sache nicht preisgibt. Wenn nun die Protestation Ln Betreff unserer früheren Verhandlungen sogar äußerliche Motive, „Rücksichten, welche die Stellung der Rabbinen geboten," als normgebend zugesteht, so ist es ein Beweis, wie bei Manchen unserer hiesigen Glaubensgenossen die Billigkeit Ln Beurtheilung unsrer Sache abgenommen, da hier auch innere Motive, Rücksichten, welche die Erhaltung der Religion gebietet, außer Acht gelassen werden. Wol kann die Versammlung mit Recht den Vorwurf von sich abweisen, daß sie in ihren Beschlüssen über den Sabbat „im starren Festhalten am tobten Buchstaben und den herkömmlichen Formen die Forderungen des Lebens unbeachtet gelassen"; denn dies wahrlich ist kein Nicht beachten des Lebens, wenn die Religion ihm nicht als Opfer hingegeben wird, und der Sabbat ist weder eine gewöhnliche herkömmliche Form, noch ist dessen Gebot ein todtgewordener Buchstabe. — Oder hätte die Rabbinerversammlung, festhaltend am Sabbate, durch Milderung des Geschäftsverbotes Erleichterung verschaffen sollen? Angestrebt hat sie dieses, erreichen > konnte sie's nicht. Sie hat erklärt, daß Nothwerke am Sabbate erlaubt seien; sie hat dem Staatsdiener die Verpflichtung, seine Berufsgeschäfte, so weit es sein Amt erfordert, fortzusetzen, auferlegt; es stand nicht in ihrer Macht, das Arbeitsverbot aufzuheben, aber indem sie in ihrem ersten Beschlüsse jene Glaubensgenossen, welche sich dem Sabbate entfremdet, darauf hingewiefen, was auch von ihnen verlangt werden müsse, nämlich sich durch den Besuch des öffentlichen Gottesdienstes und der Wiedereinführung der häuslichen Weihe an der Sabbatfeier zu betheiligen; indem sie ferner jeden Antrag auf Definirung des Arbeitsverbotes aus dem Grunde abgelehnt, um nicht eine große Zahl der Glaubensbrüder geradehin als Sünder zu stempeln und die Gewissen zu irritiren: hat sie gethan, was die Rücksicht gebot, und sattsam den ungerechten Vorwurf widergelegt, als wäre sie absichtlich darauf ausgegangen, „die Gewissen der Einzelnen mit Bedenklichkeiten zu belasten." Die Protokolle werden dies Alles klar machen. — Man wagt ferner zu behaupten, „unsere Beschlüsse könnten Werkheiligkeit und rabbinische Kasuistik wieder iu's Leben rufen." Sollte dies wirklich aus unseren diesjährigen Verhandlungen hervorleuchten? Die Rabbinerversammlung hat die zweiten Feiertage aufgehoben; die unziemlichen Trauergebräuche, und mit ihnen eine ganze Abtheilung des rabbinischen Kodex, Hunderte von Paragraphen stark, aufgehoben; sie hat die rabb. Erschwerungen des Sabbatgebotes, wieder kein kleiner Theil talmudischer Kasuistik, aufgehoben; sie hat einen allerdings praktischen Antrag zur Niedersetzung einer Kommission über die Frage, welche bisher als verboten gegoltene Thätigkeiten am Sabbate freizugeben seien, einzig aus dem Grunde abgelehnt, damit sie auch den Schein der Wiederbelebung rabbinischer Kasuistik nicht auf sich lade — wie kann man also zu Vorwürfen sich verlieren, welche nur in schiefen Berichterstattungen, nicht in der wahren Sachlage, wie sie unsere Protokolle gewiß Herausstellen werden, ihren Grund haben?' Die Rabbinerversammlung hat der nothwendigen Beseitigung jener beengenden Zwingmauern talmudischer Kasuistik auch in diesem Jahre, so weit es nur die vorliegenden Fragen geboten, allerdings Rechnung getragen; sie wird auf diesem Wege auch in ihren künftigen Verhandlungen fortzufahren nicht ermüden, und auf demselben hofft sie zu einem erwünschen Ziele zu gelangen. Sie hat ihre Mission in diesem Jahre in keinem andern Sinne aufgefaßt, „als ihre früheren Verhandlungen anzudeuten scheinen." Denn nicht bloß Fortbildung, auch Erhaltung steht auf ihrer Fahne gezeichnet, und wer im vorigen Jahre den Berathungen uüt Aufmerksamkeit gefolgt ist, der konnte sich leicht überzeugen, wie auch in ihnen dem Bestehenden, so weit es die Rücksicht auf Religion und Zeit erlaubte, sein Recht ungeschmälert vindizirt wurde. Unser Weg geht vorwärts, aber ohne Sturmschritt und ohne Willkür. Als eine Versammlung deutscher Rabbiner soll unsre „innige Anschließung an das deutsche Volk" sich auch durch Beharrlichkeit, Ausdauer, Gründlichkeit und sichern, wenn auch ruhigen Fortschritt zum Ziele kundgebm. Wol wissen wir, daß es ein und dasselbe Ziel sei, wohin die ganze Menschheit, wohin alle Bekenntnisse zu streben haben, ein hohes Ziel der Einheit uud der Einigung, welches das Judenthum in seinen heiligen Schriften vielfach und herrlich verheißet, aber wir wissen auch, daß dieses Ziel nicht auf einem, sondern auf verschiedenen Wegen angestrebt werden müsse, und daß es nur unter Berücksichtigung unsrer Gesammtheit auf dem Wege organischer Entwickelung, die von innen heraus schafft, zu dauerndem Heile erreicht werden könne. Frankfurt a. M., 24. August 1846. Leopold Stein, Rabbiner der israelitischen Gemeinde dahier.

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