Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 39 (21.9.1846)
- Date
- 1846-09-21
- Page
- Seite 568 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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568 haben, da sie sich von vorn herein auf einen gänzlich negirenden, oder auf einen halben Boden stellen müssen, so daß sie entweder dem Judenthume gegenüberstehen, oder in beständigem Schwanken ein fragliches Dasein fristen; wenn daher wahres Heil und wirklicher Fortschritt nur dadurch erlangt werden kann, daß dieser sich in der Gesammtheit entwickelt: so ist und bleibt allein die Literatur der mächtigste Hebel. Man sage durchaus nicht, daß diese nur theoretisch wirke. In ihrem kräftigsten Theile, in dem für das Volk berechneten und auf dieses wirkenden Theile, übt sie eine erstaunliche, und, was ihr größter Vorzug ist, eine gänzliche freie Wirkung aus. Sie zwingt in keinerlei Weise, sie überzeugt nur. Zuerst bringt die Literatur die Ideen in die Masse; dann gewöhnt sie das Volk an diese; und auf diesem Wege macht sie dieselben zum Bedürfniß, endlich zur Nothwendigkeit. Man sage nicht, daß dies langsam geschehe. Die Entwickelung auf diesem Wege geht sicher, und kommt zum Ziele. Sehen wir zurück. Die Idee des verbesserten Kultus bestand, selbst zum Theil ausgeführt, lange, ohne Wirksamkeit; seit 1834 hat die Presse sich ihrer bemächtigt, und ihr den Sieg so vollständig erworben, daß jeder Tag neue Erfolge bringt. So wird es auch mit Anderm gehen. Die zweiten Festtage, diejenigen unter den Trauergebräuchen, welche orientalisch sind, diejenigen unter den Beschneidungsformen, welche nachtheilig sind, und so vieles Andre, werden denselben Weg gehen. Und eben so in andrer Beziehung. Das immer lebendiger werdende Interesse für das Judenthum, die Erhebung des Judenthums in der Erkenntniß seines Werthes, seiner welthistorischen Aufgabe und Stellung; andrerseits die völlige Verallgemeinerung des Strebens in bürgerlichem und politischem Leben unter den Juden — in der jüdischen Presse fand dies Alles seinen wesentlichsten Hebel, seine wirksamste Beihülfe. Je mehr wir daher auch für die Zukunft auf die Literatur bauen, und mit ihrer Hülfe die separatistischen Bestrebungen entrathen können, um so mehr, da die Literatur doch niemals einen Lokalcharakter annehmen kann: desto energischer muß man aber gegen den, unter uns gerade jetzt so häufigen Mißbrauch der Presse ankämpfen. Sobald eine Literatur sich kräftig entwickeln soll, so muß auch in derselben Opposition stattsinden; alle Parteien und Richtungen müssen in derselben ihre Aussprache finden, ja, sie müssen sich in ihr bekämpfen. Aber das ganze Geheimniß der Macht der Presse liegt allein — in der Reinheit, in der Entfernung von aller Gemeinheit, in der Würde und Höhe, die sie inne hält. Macht sie sich zur Magd der niedrigsten Leidenschaft, zur Magd der Persönlichkeiten, ergeht sie sich in Schmähungen, Lästerungen, Verketzerungen, in Schimpf und Pöbelwitz — dann verliert sie alle Achtung bei den Bessergesinnten, und verschlechtert den schlechtern Theil des Volkes noch mehr. Ha, diese Zanksucht, diese Berfolgungssucht, diese hämische Bosheit, dieser Geifer — nicht auS Prinzip, sondern aus Haß und Schlechtigkeit — sie entwürdigen die Presse, stumpfen ihre Schärfe ab, und senken in das Herz des Volkes niedere Gesinnung, Verachtung, Eigensinn und Lieblosigkeit. Und dies ist es, was die jüdische Presse in vielen Organen in neuester Zeit auf eine haarsträubende Weise getrieben hat. Vergebens suchten einige wenige Organe sich von diesem Treiben fern zu halten, und in dieser würdigern Gestalt für das Bessere den Maßstab und das Muster zu geben. Vergebens suchten sie durch Jgnorirung aller dieser gemeinen Umtriebe das Publikum zu warnen. Der Sturm der Niedrigkeit brauste ungestört fort, belegte mit zerstörendem Froste alle frischen Keime und Blüthen, brachte Brand und Unkraut in das Saatfeld, und zerstörte, was kaum und mühsam angelegt worden. Man fragt sich, wie ist dem abzuhelfen? Mit gleichen Waffen läßt sich hier nicht kämpfen, ohne in denselben Fehler zu verfallen; und wer wollte den Ekel überwinden, mit dergleichen Drachen und Lindwürmern zu schaffen zu haben. Der einzige Richter hierüber ist — das Publikum selbst. Dieses muß an seine Würde wie an seine Macht erinnert werden. Das Publikum selbst ist es, welches sich entwürdigt, indem es dergleichen Zeug durch seinen Geldbeutel unterstützt. Wol mag es sich hüten, daß man darüber urtheilt: ein Publikum, welches diese empörenden Gemeinheiten fortgesetzt liest und bezahlt, muß derselben würdig sein; ein Publikum, welches diese entartete Presse duldet und sie nicht durch Ostrazismus unterdrückt, muß gleich entartet sein! Verbannet sie aus euren Händen, entziehet ihr die Nah-