Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 38 (14.9.1846)
- Date
- 1846-09-14
- Page
- Seite 555 (sequence 7)
- Language
- German
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555 dürfniß. Im Zeremonialgesetz folgte Jeder seinem mitgebrachten Wissen und Wollen; nach Predigt und Lehre dürstete man noch nicht. Aber die Einwandrung brachte auch hierfür nach und nach einzelne tüchtige Männer herbei, die mehr oder weniger einen angemessenen Wirkungskreis sich erwerben. Die Kultusreform hat zwar hier und da ein Häuflein Anhänger gesunden; aber die s.g. Aufgeklärten haben zuwenig religiöses Interesse, um Thatkraft zu entwickeln, und die Anderen wollen, wenn sie religiöse Uebung suchen, sie eben so finden, wie sie sie suchen; wenden sie sich einmal der Religion zu, so wollen sie dieselbe in der alten Gestalt finden, bis denn ein neues Geschlecht mit neuen Bedürfnissen erstehen wird. Ueberblickt man daher von jüdisch-religiösem Standpunkt Nordamerika: so sieht man überall entstehende und anwachsende Gemeinden, erstehende Synagogen, und die ersten Elemente von Schule, Predigt, geistlichen Lehrern. Dadurch ist den Einwanderern überall ein Anhaltpunkt gegeben, der die einzelnen Glieder, wenn auch noch nicht organisirt, doch anzieht. Es wächst daher das amerikanische Judenthum sowol intensiv als extensiv; intensiv, indem es sich mit selbstständigen, einer großen Zukunft zureifenden Instituten umgiebt; extensiv, sowol an Zahl der Bekenner, als auch indem es seine Borposten in kleinen Gemeinden immer weiter vordrängt, und schon tief in's innre Land hineinschiebt. Gerade dadurch wird aber das Interesse wieder geweckt, immer mehr belebt, und um so reiner, je weniger es durch politische und soziale Sonderinteressen mit irgend einer ätzenden Säure versetzt wird. Italien. Rom, 25. August. (N. K.) An demselben Tage, wo das Volk in Rom seinen Jubel über das erlassene Amnestieedikt in so denkwürdiger Weise zu erkennen gab, hat der Papst der hiesigen Judengemeinde außer einer bedeutenden QuantitätBrod auch ein Geschenk von 350 Scudi zur Vertheilung an die im Ghetto lebenden Armen zustellen lassen. Frankreich. Bayonne, im Mai. Wir tragen aus dem Maiheft der Aich. isr. de Fr. folgendes Bemerkenswerthenach. Der spanische JnfantDonEnrique besuchte am Freitag Abend die Synagoge mit Begleitung. Es wurde ihm ein Platz auf der Ehrenbank eingeräumt. Er folgte dem Gottesdienste mit großer Aufmerksamkeit, und sprach sich offen darüber aus, wie gerecht cs wäre, auch in Spanien die Freiheit der Kulte zu proklamiren. Am Ende des Gottesdienstes nahm er das Anerbieten, ihm den Groß- Rabbinen vorzustellen, gern an. Herr Marx trat vor, und richtete an den Prinzen folgende improvisirte Worte: „Königliche Hoheit! In unsrer Mitte einen Sprößling der Könige Spaniens erblickend, können wir uns nicht verhindern das Auge auf das Land zu wenden, welches unsere Vorväter einst bewohnten. Wie betrübend auch die Erinnerungen seien, die jene Zeit in uns erweckt, empfinden wir demungeachtet einen gewissen Reiz, an die Orte zu denken, welche die Gräber unserer Väter enthalten; und wenn es nicht gestattet ist, sie mit unseren Thränen zu benetzen, erfahren wir wenigstens mit Freuden, daß das Land, welches zuerst eine Zuflucht den zerstreuten Stämmen Israels bot, anfängt in den Geist der Duldung und Freiheit einzugehen, welcher der wahre Fortschritt der Zeit ist, und für den die Gegenwart Ihrer königl. Hoheit ein glänzender Beweis ist; so fühlen wir uns auch glücklich, den Ausdruck unserer ehrfurchtsvollen Huldigungen Ihnen aussprechen zu können." Der Prinz war bewegt; nach einigen Augenblicken erwiederte er: „Die Freiheit und die Duldung sind in der Thal der wahre Fortschritt. Dies ist meine Meinung und die aller ausgezeichneten Personen meines Vaterlandes. Und so hoffe ich, mein Herr, daß wir diesen Gottesdienst auch eines Tages in Spanien sehen werden." Welche Rolle der JnfantDon Enrique in seinem Vaterlande einst zu spielen auch berufen sei, der moralische Einfluß eines Prinzen ist immer groß, und seine Ideen werden gewöhnlich die einer größern Anzahl Personen, als daß es uns nicht gestattet sei, den Besuch des spanischen Prinzen in einem israelitischen Tempel als einen bedeutungsvollen Schritt anzusehen.