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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-09-14 · Heft 38 (14.9.1846) · p. Seite 554

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 38 (14.9.1846)
Date
1846-09-14
Page
Seite 554 (sequence 6)
Language
German
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554 publizirt — da würde man Schweißtropfen vergießen bei dem Gedanken, wie groß die Zahl der ankommenden Verbrecher, Vagabunden ic. ist, und man sähe schon den ganzen Staat untergraben, das Volk entsittlicht, die Zucht mit Füßen getreten, kurz Respublica suramo in periculo. Aber nur sacht, Nordamerika besteht trotzdem, hält seine Richtung genau inne, und bildet seine Gesellschaft immer höher aus. Frömmigkeit und Sittlichkeit sind aus den Herzen nicht geschwunden; ja, wenn man irgendwo noch patriarchalische Sitten sucht, so kann man sie bei uns noch recht häufig, und um so wahrer finden, als sie mit Bildung und Wohlstand Hand in Hand gehen. Die Sache ist aber diese. Die meisten Ankömmlinge fangen hier ein ganz neues Leben an. Hinter ihnen liegt Schmach, Strafe, Ausstoßung und alles Beengende; ein neuer Wille beseelt sie, und hält sie zu einem neuen Leben an. Nicht der in den Pfuhl der Lasterhaftigkeit gänzlich Versunkene kömmt hierher, sondern wer noch Thatkraft und Umschwung des Willens in sich verspürt. Und es gelingt ihm meist. Dann aber: jene freie Bewegung, von der ich eben sprach, dieses ungestörte Aufsichselbstbestehen, diese persönliche Ungebundenheit erhebt den gedrückten Einwandrer schon durch sich selbst. O, die Menschenseele ist sehr elastisch; unter dem Drucke giebt sie nach, und sinkt tief; frei von demselben, erhebt sie sich, und entwickelt ein Streben nach oben, das man nimmer in ihr vermuthete. Hier fühlt sie sich geadelt, und macht sich dessen desto würdiger. Dies sind die Ursachen, warum es im Allgemeinen Amerika Nichts schadet, daß Europa unter vielen nützlichen Subjekten auch so vielen Auswurf ihm abgiebt; und warum selbst ältere Individuen, die hierher kommen, nach kurzer Zeit wie umgewandelt in ihrer ganzen Natur dastehen, zugänglich der Bildung, durchdrungen von Bürgerthum, schaffend und wirkend für sich und Andere. New-Aork, 8.August. (Privatmitth. Zweiter Artikel.) Fürchten Sie für Ihr Judenthum Nichts in Amerika! Glauben Sie ja nicht, daß es hier der Auflösung zugehe! Ich bin fest überzeugt, gerade das Gegentheil wird stattfinden. — Allerdings ist es wahr, daß, wie ich selbst oft beoachtet habe, die hier ankommenden Juden sehr leicht in religiöser Weise Umschlagen; je frömmer, im alten Sinne, sie zu Hause waren, desto weniger sind sie es nach ihrer Ankunft hier; Sabbat, Speisegesetz, Peßach, Mischehen nehmen sie gar bald auf sehr leichte Schulter. Insbesondere nimmt man dies am Polen und Baier wahr. Mit dem alten europäischen Menschen ziehen sie auch den alten Juden aus, und der alte Jude ist ihnen gar oft der ganze Jude. Auch das ist wahr, daß eine lange Zeit das Judenthum hier gar keine Konzentration, gar keinen Mittelpunkt hatte, dem sich die Individuen anschließen konnten, der die Individuen anziche. Es waren ja bloße Atome, die hierher flogen, und die daher unbekümmert um einander lebten, wie der Vogel in der freien Luft. Von Staatswegen geschah und geschieht Nichts für irgend eine Kirche, kann nichts geschehen. Nach Beschneidungsliste wird eben so wenig, wie nach dem Taufschein gefragt. Rechnet man nun hierzu die materielle Noth, die Bedrängniß, die nach einem Gewerbe suchte, das Leben zu erhalten, der Eifer, der nothwendig, um fortzukommen, das Bedürfniß, sich mit allen hiesigen Verhältnissen bekannt zu machen, selbst die Sprache — so kann man leicht durchschauen, daß das Judenthum sehr in den Hintergrund trat, und sich für unzählige Individuen fast ganz verlor. Hingegen herrscht im nordamerikanischen Volke dennoch ein großer Fonds von Religiosität, namentlich von bibelgläubiger, vor; gerade die religiöse Ungebundenheit führt dazu, die innere Ueberzeugung herauszuarbeiten, und in die Erscheinung zu bringen; daher eine Unmasse von Sekten. Dazu kommt der Assoziativnsgeist, der in Nordamerika gewaltig ist, und die Gleichgesinnten schnell zusammenführt, um ein Ganzes zu bilden. Nachdem nun erst die Zahl der Juden wuchs, so war es natürlich, das auch religiös Gesinnte sich darunter befanden, und daß diese sich auch wieder zusammenfanden. Daher entstanden freie Gemeinden, und zwar, je nach den verschiedenen jüdischen Riten, sehr viele neben einander. Es galt nicht, aus allen jüdischen Einwohnern einer Stadt eine kolossale Gesammtgemeinde zu bilden; sondern Synagogen zu errichten, und jüdische Wohlthätigkeitsgesellschaften zu bilden. Die Ersten nahmen die verschiedenen Riten an, die Letzten wurden freie Vereine. Bei den Ersten behalf man sich mit Vorbetern, wie man konnte; bei den Letzten bildeten die Eifrigsten das Bureau, und die großen Festessen erhalten sie. Nach Rabbinen und geistlichen Lehrer war kein Be-

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