Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 36 (31.8.1846)
- Date
- 1846-08-31
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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L19 mehrerer Rabbiner vor uns, und die Ln dieser Petition enthaltenen Aufklärungen Liber die angegriffenen Stellen -es Talmuds müssen wol eine Art offizieller Bedeutung haben, jedenfalls werden fie als eine Autorität gelten muffen, deren Gewicht so schwer in die Waagschale fällt, als das mancher anderer Ausleger. Es bestreitet die desfallsige Denkschrift kemesweges, daß nach dem historischtraditionellen Judenthume mrt der Bibel die von Gott geoffenbarte israelitische Religionslehre nicht abgeschlossen ist, allein es bildet hiernach die Tradition nur mit der Bibel ein sich ergänzendes Ganzes, und es kann somit nie einen traditionellen Grundsatz im Judenthume geben, der dem Grundcharakter der schriftlichen Lehre widerspräche. Der Talmud stellt für alle Verhältnisse, welche die Staatsgewalt rechtlich festzustellen hat, den Grundsatz auf: „Staatsrecht ist unverletzliches Recht;" er lehrt, daß die Welt auf Wahrheit, Recht und Liebe beruht, und sieht in der irdischen Regierung einen Ausfluß der himmlischen, göttlichen. „Liebe deinen Nächsten wü dich selbst", ist nach der Lehre des Rabbi Akiba ein Hauptsatz der israelitischen Moral, und „was du nicht willst, daß man dir thue, das thue deinem Nächsten nicht", lehrte der alte talmudische Rabbi Hillel ^einen Heiden, der im Begriff stand, zum Ju> denthume überzutreten. Es ist nicht erlaubt, den Sinn der Menschen zu stehlen, sei er Jude oder Nichrjude, will der Talmud, und wirft damit alle Beschuldigungen, als ob Täuschung und Betrug gegen jeden Andersglaubenden erlaubt sei, über den Haufen. Dies sind die Lehren des Talmuds, welche mit der Lehre Moses und der Propheten übereinstimmrn; dies sind die Lehren der höchsten Sittlichkeit, der göttlichen Moral! „Man hat sich vielseitig bemüht," sagt die Denkschrift der Rabbinen, „aus den Folianten des Talmuds hie und da eine Stelle herauszuklauben, welche nächstenseindliche, abstoßende Lehren enthalten soll; allein abgesehen davon, daß nicht jeder im Talmud aufbewahrte, isolirt stehende Ausspruch eines jeden einzelnen Rabbi bindende Kraft hat, daß vielmehr der Talmud nur, insofern es sich aus ihm Nachweisen läßt, wie ein religiöses Institut sich historisch entfaltet habe, als Religionsquelle benutzt wird, werden nach der übereinstimmenden Lehre sogar der ältesten Rabbiner selbst, die wenigen Stellen, welche im Talmud von Andersglaubenden handeln, nur auf Götzendiener bezogen, und sind Ausflüsse des staatsrechtlichen Grundsatzes der Gegenseitigkeit; nicht aber, wie es ausdrücklich heißt, auf die Verehrer des einen Gottes, unter denen dir Juden im Staatsverbande leben, für deren Bestes sie vielmehr bitten und es aus allen Kräften fördern sollen, anwendbar." Meine Herren! Eine solche Erklärung schriftgelehrter Männer, welche in unserm Staate öffentliche Aemter bekleiden, abgegeben vor den Augen der Welt, vor den Repräsentanten des Volkes, in dessen Mitte sie leben, wird wol mehr beruhigen können, als die Interpretation von Männern, die nur nach einzelnen Stellen, aus einer großen Sammlung von Lehren herausgerissen, urtheilen, und damit einem auf göttliche Offenbarung basirten Glauben den Schandfleck der Unstttlichkeit aufdrücken wollen. Daß aber auch solche sittenwidrige Grundsätze, wie sie ältere Theologen in dem Talmud gelehrt haben sollen, und wie man sie in ähnlicher Weise auch von älteren Theologen christlichen Glaubens in Schriften finden kann, jetzt noch bei den Juden als gültige Religionssätze verbreitet werden, dies hat selbst noch kein Gegner der Emanzipation behauptet, und wird es auch Niemand behaupten, der nicht zugleich der Staatsregierung, als der Aufsichtsbehörde, über das Schulwesen den größten Vorwurf machen, der nicht zugleich die Beamten der Rechtspflege der grenzenlosen Nachlässigkeit im Verfolgen von strafbaren Handlungen beschuldigen will. Aber auch der Vorwurf der Antinationalität ist hierdurch beseitigt, und wer in dem Messiasglauben noch etwas Anderes erblickt, als die Hoffnung auf ein sichtbares Oberhaupt der Kirche, der schaue sich um unter unseren Juden und sehe, wie sie sich in unsere bürgerlichen Verhältnisse hineingelebt haben, und er wird eine Wiedervereinigung der ganzen Nation für das eitelste Trugbild erklären müssen. Die Nationalität der Juden ist untergegangen, sie sind Deutsche, sie sind Badener geworden, sie haben dies bewiesen und in den Befreiungskriegen auf dem Schlachtfelde mit ihrem Blute besiegelt, sie beweisen eö täglich noch durch ihre rege Theiluahme an dem öffentlichen Leben, und wenn dieselben, trotzdem daß sie nicht die gleichen Rechte genießen, wie ihre christlichen Mitbürger, dennoch auf gleiche Weise ihre Bürgerpflichten erfüllen, so beweisen sie dadurch um so wehr die Liebe zu ihrem jetzigen Vaterlande. tz. 9. Die Emanzipation der Juden soll der Idee des christlichen Staates widersprechen, weil sowol die Verfassung als die Gemeindeordnung nur den Bekeunern des christlichen Glaubens die gleichen politischen Rechte einräumt. Wem liegt nicht auf flacher Hand der Zirkel, in dem sich in dieser Beziehung der Berichterstatter vom vorigen