Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 35 (24.8.1846)
- Date
- 1846-08-24
- Page
- Seite 506 (sequence 6)
- Language
- German
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506 längst die überwiegende Mehrzahl fühlt und erkennt6), sie haben dies Vertrauen nicht gerechtfertigt, sie haben diese Mittel nur zu benutzen gesucht, um auf den Trümmern der uralten individuellen 7) Denk- und Glaubensfreiheit sich, trotz ihrer vorgeschützten bescheidenen Anspruchslosigkeit und heiligen Demuth, in ihrem Streben und Wirken thatsächlich eine dem Judenthum durchaus fremde, priesterliche Autorität anzumaßen 8). Während sie sich der unsere Zeitge- 6) Schon wieder eine Versicherung, daß sie wissen, was „die überwiegende Mehrzahl fühlt und erkennt." Diese Herren haben ja aber schon einmal selbst ihr GlaubenSbekenntniß ausgesprochen: wo ist da die überwiegende Mehrzahl geblieben? Und wie? Haben die Herren keine Ahnung davon, daß man auch trotz der überwiegenden Mehrzahl eine eigene Meinung haben könne? Ihr eigenes Beispiel sollte sie belehrt haben! Wie, wenn nun wirklich die überwiegende Mehrzahl dies und dies fühlte und erkennte, und die Mehrzahl der Rabb. Vers, fühlte und erkennte ein Andres, sollte sie ihre eigene Ueberzeugung Ln den Main werfen, nur um die Mehrzahl der Frankfurt am Mainer Ueberzeugung gefälligst auszusprechen? 2 Mos. 23, 2. 7) Also das alte Judenthum war eine „individuelle Denk- und Glaubensfreiheit", d. h. mit klaren Worten, es konnte jedes Individuum im alten Judenthume denken und glauben, was er wollte! Woher die Leute ihre Weisheit haben! Das alte Judenthum soll jene moderne Zerflossenheit, ohne Einheit, Uebereinflimmung, System enthalten, und sich dabei Jahrtausende erhalten haben! Das alte Judenthum, welches Schritt vor Schritt vom Erwachen bis zum Entschlafen dem Individuum sein Thun und Lassen vorschrieb, soll eine „individuelle Denk- und Glaubensfreiheit gewesen sein; wo derjenige, welcher nur einen Buchstaben der Schrift für ungöttlich hielt, welcher gegen die göttliche Autorität der Tradition nur irgend verstieß, für einen Gottesleugner galt! Was die Herren doch Alles aus großen, historischen Fakten zu machen vermögen. 8) Wieder der so oft wiedergekäuete Vorwurf, die Rabb. Vers, will eine priesterliche Autorität sich aumaßen, da sie doch wahrlich! nur das Ansehen des Gutachtens von Sachverständigen anspricht. Man sehe nur ihre Beschlüsse über den zweiten Festtag an, und ist man billig, so wird man die Achtung vor Gewissensfreiheit der Versammlung nimmer absprechen. Sehen denn die Herren nicht ein, daß solch ein oft gebrauchtes Schwert schartig und stumpf wird? Ueberhaupt ist der Vorwurf hierarchischer Bestrebungen jetzt im Allgemeinen so stumpf und platt geworden, und jede selbstständige Meinung so oft damit gestempelt worden, daß so scharfsinnige Männer nicht mehr damit kommen müßten! Wer ist denn noch nossettschast durchdringenden Ideen unter dem Vorgeben bemächtigten, dieselben in nöthige Schranken zu bannen und ihnen die Würde und Weihe der Gesetzlichkeit zu verleihen <J), strebten sie, ohne etwa durch eine äußere Gewalt an der Verfolgung eines edeln Zieles verhindert zu sein, gewandt und beharrlich dahin, jene Ideen selbst in ihrer Entwicklung zu hemmen, sie in der Praxis wirkungslos zu machen und Vernunft und Aufklärung ebenso durch leeres Gaukelspiel zu ersetzen, wie einst die, deren Nachfolger zu sein die neuen Rabbiner sich gerühmt, Religion und Gottesfurcht —freilich ohne böswillige Absichten — mit gehaltlosen äußerlichen Uebungen vermischten und theilweise verdrängten Eg so unsinnig, in unsrer Zeit Hierarchie anstreben zu wollen? Wer ist denn wol so dummkvpfig, unter unseren Glaubensgenossen hierarchische Macht geltend machen zu wollen? Dieses ganze Treiben erinnert uns an das altjüdische Sprüchwort: „weil der Chasan sagt Borchu, sagt Kahal Baruch!" Wie, wenn wir nun die Sache umkehrten, und sagten: die frankfurter Herren haben hierarchische Bestrebungen, weil sie „der überwiegenden Mehrheit" ihre Ansichten aufbürden?! Gelt, das ist ein Leichtes. 9) Und gegen dieses „Vorgeben" tratet Ihr nicht sofort in die Schranken? Man gab vor, Eure Ansichten in Schranken zu bannen, und Ihr votirtet im vorigen Jahre der Versammlung eine Dank- und Vertrauensadresse, die wahrscheinlich aus derselben Feder geflossen, wie dieses VerdammungSurtheil?! Das begreife Einer! *0) Da haben wir s! Das ganze alte Judenthum hat Religion und Gottesfurcht mit gehaltlosen Uebungen vermischt und zum Theil verdrängt! Da haben wir wieder das ganze alte Judenthum mit einem Worte verdammt, für antireligiös, für gottesfurchtlos erklärt, weil — es nicht so war, wie gegenwärtig ein Dutzend Frankfurter wollen. Was für diese gehaltlos, das mußte für ganze Jahrtausende so gewesen sein; was für diese eine „äußerliche" Uebung, das mußte für die Millionen Väter so gewesen sein. Wie kann man sich doch so an dem Schatten seiner Väter versündigen! Wie, ihr zarten Seelen, die ihr für das Urtheil eurer nichtjüdischen Mitbürger so empfindlich seid, ihr scheuet euch nicht, vor eben denselben die ganze Vergangenheit des Judenthums zu verurtheilen, und sie so in dem zu bestärken, was der gehässigste Gegner aussprechen wird! Nein, ich habe noch Viele von Euch gekannt, ehrwürdige Ruinen der Vergangenheit, deren Gottesfurcht unbegrenzt war, denen diese „gehaltlosen" Uebungen einen so herrlichen Gehalt von Frömmigkeit hatten, gegen den die heuchlerische Arroganz vieler modernen Phrasendreher ein gehaltloser Flittter ist! Rein, ich werfe keinen Stein auf dein Grab, mein ehrwürdiger Groß-