Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 34 (17.8.1846)
- Date
- 1846-08-17
- Page
- Seite 497 (sequence 13)
- Language
- German
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497 die geheiligte Pflicht einer Mutter. Aber dieses System der Strenge und der despotischen Herrschaft, welches Du gegen Deine Tochter auSgeübt hast, hat ihr Herz Dir entfremdet, ihr Vertrauen Dir entzogen, Du hast ihr Unglück herbeigeführt, und Dir und mir den tiefsten Kummer bereitet. Eilen wir sie zu retten, wenn es noch Zeit ist — denn Deine Tochter, meine schöne, liebliche Sol, ist vielleicht in diesem Augenblicke schon Türkin!" — „Meine Tochter Türkin!" rief Simha erschreckt aus, „mögen meine Augen nimmer diesen Jammer erschauen!" — und ohnmächtig sank sie in die Arme ihres Gatten. Als sie wieder zu sich gekommen und die erste Heftigkeit des Schmerzes gemildert war, beriethen sich die beiden Gatten über die Mittel, ihre geliebte Tochter zu retten. Lassen wir sie jedoch auf einige Zeit, um uns von Neuem zur schönen Sol zu wenden, welche wir im Pallasie des Gouverneurs von den vornehmsten Damen umgeben verlassen haben. Alle beriferten sich um die Wette, die junge Jüdin zu erfreuen, indem sie ihr die Reichthümer des Pallastes zeigten. „Deine Schönheit," sagten sie, „Deine Freundlichkeit und Bescheidenheit werden Dir eines Tages noch weit reichere und größere Güter zu Theil werden lassen. Ein edler, reicher und mächtiger Araber wird Dich als seine Gattin heimführeu, und hundert gebückte Sklaven werden ehrerbietig Deiner Befehle harren. Die Schatze Asiens und Afrika's werden Dir zu Füßen gelegt werden, und die phantasiereichsten Dichter Dein Glück und Deine Schönheit besingen. Nimm, schöne Jungfrau, den Glauben des Propheten an, er begeistert uns, von den Wohnungen des ewigen Vergnügens aus Dir die Wahrheiten seines Prophetenthums zu verkünden; der große Allah schaut lächelnd auf Dich herab, weil er in Deinem Herzen Deinen Entschluß liest. Nimm diese Diamanten an, deren Glanz vor dem Leuchten Deines Auges erbleicht; Sol, schöne Sol, verschließe nicht Dein Ohr den Worten der Theilnahme und der Zärtlichkeit. Sieh hier dieses weiße Gewand mit Rosen geschmückt und von glänzenden Diamanten übersäet — es ist das Deine von dem Augenblicke an, wo Du zum wahren Glauben übertrittst. Aber Du schweigst, Thränen entstürzen Deinen Augen, Seufzer heben Deine Brust, und Du schlägst unser Anerbieten aus — Unglückliche, erschöpfe nicht unsre Geduld und unsre zärtliche, liebevolle Theilnahme!!" Also mühten sich drei Tage hindurch die Gattin, die Schwiegertöchter und Damen des Gouverneurs das Herz der Jüdin für sich zu gewinnen, aber die schöne Sol dachte, in Thränen zerfließend und ihrem Schmerze sich hingebend, nur an ihre Eltern und ihren Bruder. „Niemals," rief sie aus, „werde ich die einfache Kopfbedeckung meines Standes mit dem reichen Turban vertauschen, welchen ihr mir anbietet, niemals werde ich meinem Gotte untreu werden, und seine Gebote verletzen, der Glaube meiner Väter ist tief in meinem Innern eingegraben, und er erfüllt mich mit Hoffnung und Trost. Weder das Gold noch der Reiz der Vergnügungen vermögen die mit der Muttermilch eingesogenen Grundsätze zu verwischen, welche mir als Gesetz dienen, das härter ist als der Kern eines Diamanten; der Tod hat wol Macbt über mein Leben, vermag aber nie mich vom Wege der Tugend und des Rechten abzulenken. Gott mein Gott und Gott meiner Väter entziehe deine Gnade nicht einer Sterblichen, welche lieber ihr Haupt dem Schwerte des Henkers darbietet, als von dem Glauben ihrer Väter weicht." — Die Bestimmtheit und Festigkeit, mit welchen die junge Jüdin diese Worte aussprach, beschämten und demüthigten die türkischen Damen so sehr, daß sie alsbald zum Gouverneur eilten, um ihm nicht ohne Bitterkeit die Weigerung des Mädchens zu überbringen. Arbi Esido ließ sogleich Sol vor sich bringen, verwies ihr ihre hochmüthige Sprache, stellte ihr die Gefahren vor, welchen sie sich aussetze, und versuchte von Neuem bald durch Schmeicheleien, bald durch glänzende Anerbietungen, bald durch imponirende Strenge ihren Entschluß wankend zu machen. Das standhafte Mädchen wies aber die Liebkosungen und Geschenke zurück, und trotzte den Drohungen. ,,Jch werde Dich mit Ketten belasten," sagte ihr der Gouverneur, „und den wilden Thieren des Waldes Preis geben; Du wirst das Licht des Tages nicht wieder schauen und den Qualen des Hungers erliegen, auf daß die gerechte Strafe Dir für Deine Verwegenheit werde, den Zorn des Propheten auf Dich geladen zu haben." — „Ruhig werde ich," entgegnete ihm Sol, „die Wucht der Ketten tragen, meinen Körper den wilden Thieren des Waldes Preis geben, für immer auf des Tages Licht verzichten und vor Hunger sterben — aber, wenn auch alle irdischen Leiden auf Deinen Befehl mich heimsuchen, werde ich dennoch Deiner Wuth und des Zorns Deines Propheten lachen, denn weder Du noch er vermögen meinen festen Willen zu beugen." — „Verruchte Lästerin," rief der Gouverneur vor Wuth außer sich aus, „Du wagst es, das Heiligste, was ich verehre, zu schmähen, ich werde fortan keine Rücksicht, keine Schonung mehr kennen, ich werde Dich in daS tiefste Gefängniß bringen lassen, und lächelnd Zusehen, wie Du den Kelch der Bitterkeiten bis