Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 34 (17.8.1846)
- Date
- 1846-08-17
- Page
- Seite 494 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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404 oder nicht. Dieser Gedanke selbst aber ist ein integrireoder Theil des allgemeinen Bewußtseins geworden, und gerade das ist es, was die Geschichte der Neuzeit zu einer humanen wachen wird. So sehr diese Richtung des Volksbewußtseins auch Ln scharfem Kontraste flehen wag zu den hie und da gegebenen positiven Zuständen, so ist sie doch unleugbar vorhanden, und das allgemeine Interesse, mehr an der freien Bewegung als an dem dogmatischen Gehalt des Deutschkatholizismus würde, wenn es an anderen Beweisen fehlt, an sich schon einen schlagenden Beweis für dieses Vorhandensein geben. Ist also die Frage unserer vollen Gleichstellung rein die Frage der Gewissensfreiheit, so kann sie wol an den positiven Zuständen aber nie am Volksbewußtsein selbst einen Gegner haben, so muß sie eine durch und durch populäre sein und darf in dem Programm keines Volksmannes, keines Liberalen mehr fehlen. Und doch können wir uns dieser Popularität nicht rühmen, doch haben wir in neuester Zeit noch das Schauspiel gesehen, daß dieselbe Volkskammer, die sich wiederholt gegen uns ausgesprochen hat, den Muth haben wollte, trotz dieser Beschlüsse und trotz der, wenn auch unausgesprochnen Neigung, auf ihm zu beharren, das Prinzip der Gewissensfreiheit in seinem ganzen Umfange anzuerkeuuen, und doch haben Männer, die dem Volke Leitsterne und denen das Volk Alles war, sich in entschiedner und oft in gehässiger Weise gegen uns und unsere Ansprüche erklärt. Suchen wir dafür eine Erklärung, eine Rechtfertigung dafür zu finden wird uns schwerlich gelingen. Denn daß die volle Geltung des Prinzipes auch dem Juden das Recht auf seinen Glauben nicht verkümmern dürfte, wer kann das in Abrede zu stellen wagen? Aber diese Erklärung aufzufinden hat sich unser Verfasser bemüht, es ist ihm vor Allem daran gelegen, die Judenfrage auch im Leben auf ihren wahren Gehalt, auf den der Gewissensfreiheit hiuzuführen. Und dazu bedurfte es eines klaren und bestimmten Bewußtseins über das, was uns außer dem prinzipiellen Widerstand noch im Wege steht und die Erkenntniß dessen, was wir unsrerseits thun können und müssen, um die Sache dahin zu bringen, daß nur das Prinzip selber über das Ja oder Neiu entscheide. Nachdem unser Verfasser uns darauf aufmerksam gemacht hat, wie es das Bestreben jedes charaktervollen Menschen sei, bei Zuständen von so allgemeiner Geltung nicht bloß den müssigen Zuschauer zu spielen, nachdem er das Mittel der Assoziation als dasjenige bezeichnet hat, durch das in unseren Tagen die Kräfte der Einzelnen für Lösung von Fragen solchen Umfanges sich rüsten könnten, spricht er es zuförderst aus, daß es sich bei der, in dieser Weise zu lösenden Judenfrage schon darum nicht um religiöse Reformen handeln könne, weil es dem Wesen dieser Bestrebungen, die sich doch gerade in der Gewissensfreiheit gründen, widersprechen würde, ihr Interesse nur denjenigen zuzuwenden, die solchen Reformen geneigt wären. Vielmehr müsse es sich um Berücksichtigung der Zustände Aller ohne Berücksichtigung ihrer individuellen religiösen Stimmung handeln, und die zu gründende Gesellschaft müsse sich von allen das Religiöse betreffenden Fragen fremd zu halten suchen. Daß wir aber andrerseits die Lösung der Aufgabe nicht allein von der politischen Gleichstellung zu erwarten haben, das beweisen ihm diejenigen Länder, in denen die bürgerliche Gleichstellung neben einer streng sozialen Abgeschlossenheit besteht, wie Holland, das Elsaß, Hessen-Kassel. Auch die benachbarten Städte Hamburg und Altona, in deren Letzterer die Juden politisch ungleich besser gestellt seien, zeigen für die soziale Ausgleichung keinerlei Verschiedenheit zu Gunsten Altona's. Wodurch wird denn nun das „soziale Zerwürfniß erhalten und genährt?" Diese Gründe, sagt uuser Verfasser, „sind offenbar auf beiden Seiten der „streitenden Parteien, unter Christen wie unter Juden zu „finden. Dort sind es die wüstesten Vorurtheile, welche „sich größteutheils so fest eingenistet haben, daß sie man- „chem sonst ehrenhaften Manne zur zweiten Natur ge- „worden sind und dann als angeborne Antipathie erschei- „nen, hier alle diejenigen in der Masse noch fortwuchern- „den Besonderheiten, welche von vielen Gegnern sogar „als eine eigne Nationalität getauft worden sind und „jedenfalls mit dem Glauben in keinem nothwendigen Zu- „sammenhange stehen." Nachdem der Verfasser diese beiderseitigen Quellen des Uebels näher in's Auge gefaßt hat, gehen seine ferneren Untersuchungen nun darauf hinaus, das Einzelne der desfallsigen Bestrebungen nachzuweisen. Zur Zerstörung von Vorurtheilen und Abneigungen einer-, zur Vernichtung hemmender Besonderheiten andrerseits muß theoretisch agitirt und praktisch gewirkt werden, Beides aber in lebendiger Wechselwirkung und selbst die berathenden Versammlungen sollen durch den sie beherrschenden Geist nicht bloß Gelegenheit zur Auffindung praktischer Mittel geben, sondern selbst die nationaliflrenden Bestrebungen der Gesellschaft fördern. Die praktische Thätigkeit darf sich vor dem Allereinzelsten nicht scheuen. Zur Erläuterung dieser