Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 34 (17.8.1846)
- Date
- 1846-08-17
- Page
- Seite 493 (sequence 9)
- Language
- German
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493 die Herren werden es einst tief bedauern, daß sie nicht geradeaus gegangen, und zur Rabb. Bers. gekommen. Schon fangen Biele an einzusehen, daß Frankel nur nach einem geistlichen Dreizack, nach einem hierarchischen Kommando strebt, und man weiß, daß bei den Juden nichts schneller zu Falle führt. Misanthropie, Eklatsucht haben noch nie ein dauerndes Gebäu aufgeführt. Ihre Zeitung wird übrigens sicherlich ausführliche Berichte auch über diese Versammlung bringen. Hamburg, 27. Juli. Dr. Falckson aus Königsberg (ein Israelit) geht von hier nach England, um dort die ihm in Preußen in allen Instanzen verweigerte Ehe mit einer Christin abzuschließen. Literarische Nachrichten. Hamburg, 5. August. Aufruf zu einer raschern Förderung der jüdischen Angelegenheiten im Vaterlande. Von vr. Anton Rhee. Hamburg, 1846. Die Geschichte hat uns eine Reihe von Jahrhunderten bei Seite liegen lassen, sie wußte Nichts mit uns, wir Nichts.mit ihr anzufangen. Verschanzt hinter die isolirenden Deiche einer Alles beherrschenden Asketik haben unsere Vorfahren theilnahmlos den Strom der Zeiten vorüberrauschen gesehen, ohne ihn anders zu beachten, als wenn seine überströmenden Wellen ihren schützenden Damm verhöhnend, Leben und Eigenthum in Gefahr zu bringen drohten. Die europäische Geschichte war eben so sehr wesentlich christlich, wie sie trotz aller muckerischen und frömmelnden Anstrengungen zur Zeit wesentlich human zu werden beginnt. Mit dieser Umwandlung sind auch wir wieder auf den Markt des Lebens zurückgerufen, es weht da draußen wieder eine Luft, in der wir gedeihen zu können hoffen dürfen, wenn auch nach so langer Absperrung der Wechsel seine fatalen Folgen mit sich führen muß. Aber wir sind da und wir wissen wiederum, was wir wollen, unsere wehenden Banner tragen den Wahlspruch der Gewissensfreiheit. Wir sind die äußersten Glieder der europäischen Menschheit für dieses Interesse, wir sind die Probe für den echten Liberalismus, der den Menschen im Menschen achtet, wir sind die natürlichsten Opponenten gegen jede andere Berufung für das Zusammenleben, als die auf den Menschen. Wir wollen uns diesen Posten in der historischen Entwickelung auch nicht von den Deutsch- Katholiken streitig machen lassen, die gerade in ihrer fast grenzenlosen Erweiterung des Begriffes der christlichen Religion die Frage mehr faktisch, als prinzipiell zu fördern geeignet sind. Denn trotz dieser Erweiterung bleibt das Privilegium doch immer an den Namen des Christen geknüpft und fast könnte man versucht werden, es um so weniger für bedenklich zu halten, wenn die Leichtigkeit seiner Erwerbung für so viele Theilnehmer Raum giebt. Aber durch solche historische Fiktionen bricht man in unseren Tagen keine Prinzipien mehr, und wir müßten sehr falsch über den Begriff der Gewissensfreiheit unterrichtet sein, wenn z. B. in der Gervinus'schen Erweiterung der christlichen Kirche in Deutschland zu einer nationalen christlichen Kirche, zu einem unendlich großen freien Raum für Spaziergänger aller Art, aber mit einer einzigen großen chinesischen Mauer umher, die GervinuS Christenthum nennt, irgend Etwas von prinzipieller Gewissensfreiheit aufzufinden wäre. Es ist am Ende auch wenig Gefahr für den Deutsch-Katholizismus in dieser Beziehung vorhanden und wenig Ernst in dem Widerstand gegen, eine sich christlich nennende Kirche, nachdem man in ganz Deutschland für drei christliche Konfessionen schon Platz genug gefunden hat. Dieser unentschlossene Widerstand, der die Sache sich erst entwickeln lassen will, affektirt eine größere Gründlichkeit, als er sie in Wahrheit hat, es scheint ihm mehr um die Existenz von Dogmen als um ihren Inhalt zu thun zu sein. Die christkatholische Befreiung wird aber immer noch an die Bedingung des Christenthums, wenn auch in noch so weiter Auffassung, gebunden sein, während das Wesen der Gewissensfreiheit grade in ihrer Unbedingtheit besteht. Wir aber werden die Rechte der Menschen wol niemals um der Bedingung unseres Judenthums, sondern immer nur trotz desselben in Anspruch nehmen dürfen und wollen. — Man verzeihe diese kleine Exkursion, sie ist vielleicht auch eine Erinnerung an gewisse Brüder im Süden, die es mit dem Prinzipe selbst gewiß nicht minder gut meinen, als wir. An uns also soll eine wesentliche Entwicklung des Prinzipes der Gewissensfreiheit vor sich gehen, an uns sott der in die Geschichte eingetretene Gedanke zu einem wesentlichen Thrite realisirt werden. Aber freilich mußte der Realifirung der Gedanke selber vorausgehen, freilich mußte das Interesse an dem Prinzip und für dasselbe vorhanden sein, ehe es in Frage kommen konnte, ob unsre Theilnahme an seiner Verwirklichung herbeizuführen sei 34*