Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 34 (17.8.1846)
- Date
- 1846-08-17
- Page
- Seite 487 (sequence 3)
- Language
- German
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487 Wir sehen hier ganz und gar von jenen Literarhistorikern ab, denen die ganze jüdische Theologie nur eine Literatur ist, die daher von Bedeutung einer Frage oder eines Gegenstandes gar keine Ahnung haben, oder doch keinen Umgang nehmen, sondern lediglich in Eruirung eines literarhistorischen Moments ihren Beruf finden. Wir wollen ihnen ihre Verdienste nicht streitig machen, aber Theologen sind sie nimmermehr. Wir sehen hier auch von den theologischen Kritikern ab, welche allerdings auf die Materie der jüdischen Theologie eingehen, aber dieselbe nur kritisch zu bewältigen verstehen, produktiv eine neue Gestaltung aber, einen durchdringenden Gedanken, ein Prinzip oder System ihr abzugewinnen nicht im Stande sind. Man hat eine lange Zeit diese Kritik für Wissenschaft genommen, und mit diesem edeln Worte viel herumgeworfen. Nun ist es nicht zu leugnen, daß diese Kritiker ihre Verdienste haben, und als Vorläufer der Wissenschaft Leben erzeugen und die Waffen schärfen. Aber gerade dann, wenn es darauf ankommt, an die Stelle der zertrümmerten Anschauung eine neue zu setzen, zeigt es sich, daß diese Kritiker — gänzlich im Stich lassen. Unter der historischen Richtung ist nur diejenige zu verstehen, welche, die historische Entwickelung zur Basis nehmend, aus dem biblischen in's talmudische, und aus dem talmudische» in's moderne Judenthum zu gelangen suchet. Sie suchet die Anfänge des Talmuds in einer von der biblischen Acra herabgesponneuen Tradition, welche Letztere sie aber nicht als eine prophetisch-halachische ansieht, sondern als das Resultat des lebendigen Volksbewußtseins, als die Produktivität des Volksbewußtseins in dem befruchtenden Zusammenstoß von Offenbarung und Geschichte. Sie suchet aber ebenso die Anfänge des modernen Judenthums im talmudischen, und bestrebt sich, die Uebcreinstimmung des Erstern mit Letzterm nachzuweisen. Jeder billig Denkende wird diesen Bestrebungen seine Hochachtung nicht versagen; Gelehrsamkeit, Scharfsinn und Ausdauer sind die Erfordernisse, Liebe zum Frieden und zur Ausgleichung der Extreme das Motiv. Aber da diese Richtung ihr Augenmerk lediglich auf die Uebereinstimmung der geschichtlichen Momente gerichtet hat, und von dieser lebt; gerade in der Geschichte aber die Gegensätze weit bedeutsamer und wirksamer hervortreten, und die eigentlichen Bildner der Geschichte sind; die Uebereinstimmung in der Geschichte vielmehr den Modus der Entwickelung, der Gegensatz aber den Inhalt derselben ausmacht: so ist diese Richtung, wenn auch aus edlem Motiv, doch vielmehr auf Schein gestellt, als auf die Wahrheit, ste wird verkleiden und umstellen müssen, sie wird die Vergangenheit nach der Gegenwart modeln, indem sie diese in jene überträgt, dann aber wieder die Gegenwart nach der Vergangenheit, indem sie jene dieser anpaffen will. Der historischen tritt daher die intellektuelle Richtung scharf entgegen, indem diese jener vorwirst, du erkennst mich, verfälschest mich aber willkürlich. Die intellektuelle Richtung ist die, welche das moderne Bewußtsein als ihre alleinige Basis nimmt, dasselbe als atteingültig anerkennt und anerkannt haben will, und sich im vollen Gegensatz zu den bisherigen Phasen weiß. Es ist daher ihr Bedürfniß, die bisherigen Phasen zu bekämpfen, sie als niedrigere Stufen, die gänzlich zu verlassen sind, darzuflellen, und Alles zu entfernen, was jenen angehört, ohne dem modernen Bewußtsein völlig adäquat zu sein. Man wird sofort zur Frage kommen, inwiefern diese Richtung überhaupt sich als eine theologische geriren könne? Denn wenn Theologie überhaupt die aus dem historisch Gegebenen resultirende religiöse Erkenntniß, im Gegensatz zur Philosophie, welche die lediglich vernünftige Erkenntniß ist, die intellektuelle Richtung aber dem historisch Gegebenen gar kein Recht einräumt, wo es nicht mit dem modernen Bewußtsein übereinstimmt: so hat sie aufgehört, eine theologische zu sein. Kann sie sich nun freilich aus diesem Dilemma noch zur Roth helfen, indem sie das, was mit dem modernen Bewußtsein übereinstimmt, als das wahrhafte Resultat und Wesen des historisch Gegebenen in Anspruch nimmt, und in der Vereinigung Beider die Wahrheit findet, während die Philosophie von vorn und durch sich selbst beginnt — — so wird sich die intellektuelle Richtung doch von dem Einwand der Einseitigkeit und Selbstüberschätzung nicht befreien können, da nunmehr der Individualität voller Spielraum und ganze Berechtigung ertheilt, und die moderne Phase nicht ebenso als eine geschichtlich sich wieder umgestaltende beschränkt ist. Ueber diesen ist nun die gemürhliche Richtung noch aufgekommen, welche zwar der Geschichte und Vernunft ihr Recht einräumt, dagegen hervorhebt, daß die Religion eben so sehr aus dem Gemüthe beruht und das Gefühlsleben zum Boden hat, so daß der Religion mit der bloßen historischen Kritik und der Vernunft ein wesentliches Moment genommen werde. Hier käme es darauf an, inwieweit das Gemüth Leben in dem geschichtlich Gegebenen, so wie in dem rational Gefundenen schöpfe und ste zu beleben verstehe. Nach diesem Maßstabe sei Beides zu beurtheilen. Es käme also nicht darauf an, inwiefern das