Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1846)
- Date
- 1846-07-13
- Page
- Seite 424 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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424 Deutschland. Hamburg, 30. Juni. (Privatmitth.) *) Nekrolog Das Judenthum, die hebräische Literatur und Hamburgs Gemeinde haben einen Mann verloren, für den ihnen sobald kein Ersatz geboten werden wird. Ein Schlagfluß endigte das Leben des rühmlichst bekannten Heimann Joseph Michael, Besitzereinerder ansehnlichsten Bibliotheken hebräischer Werke, in seinem vierundfünfzigsten Jahre. Das plötzliche Scheiden überhob ihn zwar der Leiden eines langen Siechthums, in welchem die Trennung von seinen Lieben und seinem Bücherschatze ihm den Tod noch bitterer vorgeführt hätte; aber desto erschütternder ist der Verlust für seine Wittwe, seine zwei Söhne und sechs Töchter, und für seine zahlreichen Verehrer. M. war mit den besten Anlagen zu seiner Thätigkeit geboren. Ein durchdringender Scharfsinn, warme, herzliche Anhänglichkeit am Aäterglauben, erleichterte ihm das schwere Talmudstudium, in welchem er von Jugend auf erzogen war. Belebt von unermüdlichem Fleiße; versehen mit der Kenntniß der hebräischen, arabischen und lateinischen Sprache — so weit eS sein Fach erforderte — war er ein echter Biblioman, im jetzt üblichen Sinne des Wortes. Er sammelte von seinem zwölften Jahre an, er kaufte mit großer Auswahl, und ließ sich mehr vom innern als vom äußern Gehalt leiten. Nur ein entschiedner innerer Beruf, eine stets jugendliche und schwärmerische Liebe für sein Fach; eine mehrjährige Vorbereitung, brachte ihn an's Ziel. Nur schwach von Körper, war sein Geist desto stärker; denn er bedurfte der Geisteskraft, weil er nicht ganz seinem Berufe leben konnte. Er war Geschäftsmann, aber ein so glücklicher, daß er der Nahrungssorgen, die sich so manchem Gelehrten störend entgcgenstellen, überhoben war. Dabei war er stets von Rath- und Thalsuchenden fast belagert; er lieh ihnen Allen ein geduldiges Ohr und entließ sie befriedigt; aber sie verkürzten ihm seine kostbare Zeit. Eine andre Zeit mußte er dem Briefwechsel mit R. Ekiba Egar, Dr. Frankel, Heidenheim, 0r. Zunz, Rappaport, Dukes und mit vielen christlichen Gelehrten überlassen. Und doch wußte er, durch eisernen Fleiß, durch großes Gedächtniß und dadurch, daß er mit jeder Minute geizte, und sich keine Erholung erlaubte, noch so viele Muße zu finden, wie sein riesiges Forschen und Sammeln erheischte. Dadurch brachte er seine Bibliothek auf 8000 gedruckte Werke und 900 handschriftliche Bände, wovon jeder Band mehrere Werke enthält. Und wie gehaltreich das Ganze ist, das beweist die öftere Benutzung durch Gelehrte daraus, und die dankbare Anerkennung derselben. Es ist aber auch kein Blatt in seiner Sammlung, welches er nicht mit kritischem Auge durchgegangen, wie sein hinterlassenes vollständiges Werk über Leben, Ansichten und Wirken berühmter jüdischer Männer der Vorzeit, und mehrere Abhandlungen zur Genüge bezeugen. Mit welcher leidenschaftlichen Liebe M. den kostbaren Schatz zusammen brachte, das gehl schon daraus hervor, daß wenn er Einkäufe im Auslande machte, wo ihm kein Preis zu hoch war, er keine Buchhändlergelegenheit abwartete, sondern sie mit der theuern Post kommen ließ. — Ein Trost bleibt dem Kenner solcher Sammlung. So vollständig wie sie dasteht, und versehen mit einem Titel-Katalog von M's eigner Hand, soll sie, aber nicht vereinzelt, veräußert werden. M. war, wie schon bemerkt, strenggläubig, ließ aber Jeden bei seiner Meinung, und zeigte überhaupt ein tolerantes Wesen gegen Andersdenkende. Wenn er aber bei seiner großen Belesenheit in den Werken der aufgeklärtesten Geister, wenn er bei seinem Umgang mit vorurtheilsfreien Männern doch der kleinsten Verbesserung in der so sehr verfallenen Synagoge Hamburgs abhold war, so lag dies in einer doppelten Ursache. Erstlich war er mißtrauisch gegen alle Neuerung, weil, wie er sagte, „die „kleinste Reform, wenn sie aus den Händen Unbe- „rufener und Unkundiger hervorgeht, endlos und ge- „fahrdrohend sei." Er wußte aber nicht, daß die Vorsehung zuweilen das Licht den ungeschicktesten Händen anvertraut, damit ein heilsamer Brand entstehe. Und dann war es bei ihm die schwärmerische Anhänglichkeit an allen alterthümlichen Denkmälern der Judenheit (eine Anhänglichkeit, die wir sogar bei Männern finden, die ganz außerhalb des Gesetzes leben), so daß ihm vor dem Verlust des unbedeutendsten Slückchen Piut angst und bange wurde. Aber auch dieses zeigt von seinem aufrichtigen Herzen, er *) Nicht von unserm gewöhnlichen Korresp.