Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1846)
- Date
- 1846-07-13
- Page
- Seite 422 (sequence 6)
- Language
- German
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422 „Schwierigkeiten man stößt, tiefgewurzelten Vorurthei- „len des Volkes, in schwebender Angelegenheit, aber „auch Vorurthcilen desjenigen Standes entgegenzu- „treten, bei dem man vermöge seiner Bildung diese „Vorurtheile nicht mehr sollte erwarten dürfen. Hier „vereinigt sich noch als Vorurtheil mit den anderen „der Glaube, es sei noch nicht an der Zeit, denJu- „den diejenige Freiheit zu vergönnen, die durch unsre „Verfassung allen Kantonsbürgern ohne Ausnahme „gewährleistet ist.—Zwar wenn wir hören, daß in benachbarten Ländern Fortschritte in dieser Beziehung „geschehen, so begrüßen wir dieselben mit Freuden, „aber Viele unter uns stoßen sich noch an den Vor- „urtheilen des Volkes, welche seit den finsteren Zeiten „des Mittelalters dem gemeinen Manne nicht erlauben, den Juden als Seinesgleichen zu achten. Durch „die Beschränkungen der Juden, wie sie durch unsere „Gesetze ausgestellt und festgehalten sind, begehen wir „eine Verletzung der ersten und schönsten Vorschriften „unsrer Verfassung, die alle Bürger gleichstellt vor „dem Gesetze. Daß die Juden aargauische Bürger „sind, kann nicht geleugnet werden; sie sind Staats- „bürger und als solche anerkannt, weil man sie in „eine eigene Korporation organisirt, und sie in allen „Beziehungen anderen Gemeinden gleichgestellt hat; „für dieses ihr Staatsbürgerrecht haben sie den glei- „chen und eben so guten Titel, wie die anderen „Staatsbürger, die für ihr Bürgerrecht auch nichts „Anderes als vieljährigen Schutz und Wohnung in „unserm Staatsgebiete aufzuweisen haben. — Es ist „dieses auch bereits in dem Berichte des Polizei- „departements anerkannt; man muß ihnen Heimath- „schein und Pässe ausstellen, wodurch wir sie gegenüber dem Auslande als unsere Bürger anerkennen, „warum soll dieses nun nicht auch im Jnlande ge- „schehen? Allerdings, ist es wahr, daß cs seine „Schwierigkeiten hat, die Juden den anderen Bürgern gleichzustellen, aber sollen wir uns dadurch von „einem Schritte zurückschrecken lassen, den wir einer „zahlreichen Menschenklasse und den Vorschriften unsrer „Verfassung längst schuldig sind? Es handelt sich „in dieser Angelegenheit immer nur darum, wer den „ersten Schritt zu thun habe? Man verlangt von „den Juden, sie sollen sich der verlangten Freiheit „würdig machen, sie aber antworten, bei den ihnen „auferlegten Beschränkungen sei ihnen die Möglich- „keit einer veränderten Lebensweise benommen. Wer „hat nun Recht? — — Es sind nach meiner „Ueberzeugung nicht die Juden, sondern es ist ihre „Verfolgung, die sie zu dem gemacht hat, was sie „sind, und die ihnen nicht erlaubt etwas Anderes als „den sogenannten Schacherhandel zu treiben, und so- „lange diese Verfolgung fortdauert, können sie nicht „anders werden, als sie sind. Fragen wir aber, was „sind die Folgen, wenn wir die Juden emanzipiren? „Glauben Sie mir, in den ersten Jahren werden diese Folgen nicht bedeutend sein; die Beschäf- „tigung der jetzt lebenden Juden ist der Handel, der „Schacherhandel; am Sonntag Morgen sieht man „sie aus ihren Höhlen hervorströmcn, jeden in sein „eignes Revier, in dem er die Woche hindurch zu „handeln und etwas zu verdienen sucht, Keiner den „Andern hindernd, eher sich gegenseitig unterstützend; „am Freitag Abend kehren sie heim, das mühsam Er- „worbene ihren Familien zu bringen. Durch den „Wohnsitz der Juden wird in ihren Operationen nichts „geändert werden, aber das wird geändert, daß, wenn „sie sich an anderen Orten, bei anderen Menschen „setzen wollen, daß sie eine zweckmäßigere Lebensart „anfangen, ordentlicher und redlicher sein müssen, um „nicht verfolgt zu werden, und daß sie das Erwor- „bene am gleichen Orte auch verzehren werden, wo „sie es erworben haben. Das muß man ja nicht „glauben, daß mit der Erlaubniß der freien Nieder- „lassung alle Juden sich von ihrem gegenwärtigen „Wohnorte entfernen und anderorts lästig fallen wür- „den; sie befinden sich in ihrer großen Mehrheit am „Wohlsten da, wo sie gegenwärtig sind, wo sie in „ihren Gewohnheiten nicht gestört werden; das wer- „den die Besten unter denselben sein, die sich in „einer andern Gemeinde niederlaffen. Der Gesetzes- „paragraph sodann, welcher die Bedingungen zur „Niederlassung in anderen Gemeinden enthält, setzt „als solche fest: einen guten Leumund, anständigen „Erwerb und bürgerliche Rechtsfähigkeit; die Juden „müssen sich also ausweisen über alles dasjenige, wo- „durch den Gemeinden die nöthige Garantie gegeben „wird, daß nur solche, die ein Handwerk, einen Be- „ruf treiben, sich ansässig machen können; die Zahl „dieser Klaffe ist gegenwärtig aber nicht bedeutend, „würde sich sobald auch nicht vermehren. Was sollte „bis dahin ein Handwerksmann in Endingen oder „Lengnau thun? Der Handel der Juden bringt es „mit sich, daß sie nichts neu machen lassen, sondern