Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1846)
- Date
- 1846-07-06
- Page
- Seite 410 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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410 Veränderung, wie der Umzug einer Familie die ganze Leistungsfähigkeit der Gemeinde, den ganzen Bestand der Schule in Frage stellen und aufheben kann, da ist die Furcht und das Bedenken, Lehrer lebenslänglich zu engagiren, nur zu begründet, da ist die Bedingung des Zölibats der Lehrer eine meistens von der Roth gebotene. Man engagirt nämlich nur unverheirathete Lehrer und zwar zeitweilig und auf Kündigung, wobei jedoch der Willkühr der Gemeinden dadurch einigermaßen vorgebeugt ist, daß die Anstellung nur mit höherer Genehmigung und nach vorangegangener Prüfung erfolgen kann und daß ebenso die Kündigung nur aus genügenden Gründen und nicht ohne höhere Bewilligung eintreten darf. Indessen bleibt diese Art der Anstellung immerhin ein Uebelstand und ein wunder Fleck, den ich keineswegs beschönigen und verdecken will. Die Liebe zum Stande und zum Berufe hängt überall und namentlich auch beim Lehrer zusammen mit der Sicherheit der Existenz, welche der Beruf gewährt, mit der Liebe zur Heimath und zur Familie. Ist diese Sicherheit nicht gewährt und kann es nicht werden, droht dieser Existenz beständig das Dewoklesschwert der Ungunst und der Abneigung, sei es der Gemeinde, sei es der Vorgesetzten, dann hat auch das Pflichtgefühl und das Pflichtgebot seinen festen Anker verloren. Von der andern Seite aber halte ich eine zwar sichere, aber armselige, mit bittrer Noch kämpfende Existenz, wie sie manchem Lehrer als Familienvater zu Theil wird, für einen nicht mindern Uebelstand, für eine nicht mindere Versuchung zur Unzufriedenheit und zur Klage über seinen Stand. Solche Roth wenigstens kennen die jüdischen Lehrer nicht. Sie erhalten gewöhnlich völlig freie Station, d. h. vollständige Kost — in den größeren Gemeinden Kostgeld, in den kleineren Kost in natura — Wohnung mit Einrichtung, Beheizung und Licht und dazu ein jährliches fixes Gehalt von 50—100 Thaler, wozu noch einige Nebeneinkünfte vom Kirchendienste in der Regel kommen. Berechnet man die sämmtlichen Emolumente des Lehrers in Geld, so beläuft sich das Einkommen desselben durchschnittlich auf nicht viel weniger als 200 Thaler, und dieses Gehalt wird an manchen Orten, z. B. in Berne, in Delmenhorst, in Wildeshausen, von 5—6 Familien aufgebracht, von Familien, die zum Theil mit Nahrungssorgeu zu kämpfen haben. Eine Vergleichung mit der Lage so vieler Landschullehrer würde hierzu mancherlei Reflexionen Anlaß bieten, es würden die Ursachen zu ermitteln sein, warum oft bei Gemeinden von 50 Familien weniger geschieht, als bei diesen kleinen Gemeinden, es würde hinzuweisen sein auf die religiöse Bedeutung, welche bei den Israeliten die Schule hat, und wie dadurch ein größerer Aufwand von Kräften gesichert ist. Ich muß mich indessen mit Andeutungen begnügen, um nicht gegen das Gesetz der Kürze zu sündigen. Die Ansprüche, welche für diese Leistungen der Gemeinden gemacht werden, sind nur mäßig und müssen es sein, weit tüchtige Lehrer nicht leicht zu bekommen sind, haben sich indessen in den letzten Jahren bedeutend gesteigert, dadurch aber auch die Schwierigkeit der Besetzung gemehrt, so daß oft längere Vakanzen eintreten. Im Schmelzofen der Zeit haben auch diese Schuten eine wesentliche Umschmelzung und Umwandlung erfahren, haben einen andern Charakter und eine andre Bedeutung bekommen. Früher waren sie fast nichts als Vorhallen der Kirche und ein Abbild, oft ein trauriges Zerrbild dieser. Bibellesen, Religionslehre — jedoch mehr nach dem Buchstaben und nach der Tradition, als nach einer klaren, ihres Inhalts mächtigen Auffassung — Erklärung der Gebete, Anweisung zur Ausübung der vielen Formen und Aeußerlichkeiten des kirchlichen Lebens waren die Hauptgegenstände des Unterrichts, um welche sich die übrigen Gegenstände als dienende Geister gruppirten und mit dem Abfalle von Zeit und von dürftigen Kenntnissen, wie sie der jüdische Lehrer meistens selbst hatte, verlieb nehmen mußten. Wurde in diesen etwas Erkleckliches gethan, hatte der Lehrer Bildung und Trieb genug, auch im Gebiete der Sprachlehre, der Natur und Geschichte einige Streifzüge zu machen, so war's eine willkommene Zugabe, Haupterforderniß war es nicht. Erst nach und nach er> weiterte sich auch hier der Gesichtskreis, erweiterte sich in dem Maaße, in welchem sich auch das Leben der Israeliten entfaltete und früheren Fesseln entwand. Aus der Religionsschule wurde in den meisten Orten eine Volks¬ und Elementarschule, aus dem Kantor und Kirchendiener ein Schullehrer im ganzen Sinne des Wortes, und ich kann mit Vergnügen und aus Erfahrung berichten, daß viele dieser Schulen vollkommen ihrer Bestimmung entsprechen und die Vergleichung mit anderen größeren aushalten, so weit die Einrichtung und die Lehrmittel kein unübersteigliches Hinderniß in den Weg legen. Bedenkt man, daß diese Umgestaltung keine Folge von gesetzlichen Vorschriften und Zwangsmaßregeln ist, sondern lediglich eine Frucht des sich selbst entbindenden und ausbreitenden Geistes und eine Rückwirkung der in der kirchlichen und sozialen Welt gewonnenen Resultate, so spiegelt sich auch in der Geschichte dieser Schulen der Drang und Trieb