Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1846)
- Date
- 1846-07-06
- Page
- Seite 409 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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409 landes und unsre so gütige und aufgeklärte Regierung bald zur Ertheilung aller bürgerlichen Rechte und vollkommner Emanzipation eines so lang verkannten Volkes leiten möge, welches stets und bei jeder Gefahr des Vaterlandes seine Pflicht gegen dasselbe willig erfüllte." Gegen solche Aeußerungen vermögen die Schimpfereien gewisser Journalisten nicht auszukommen, und werden ihr Ziel verfehlen. Literarische Nachrichten. Magdeburg, 1. Juni. (Vermischte Schriften.) lieber jüdische Schul- und Lehrerverhältnisse. Ein Vortrag, gehalten rm Vereine zur Beförderung der Volksbildung in Oldenburg rc. Von B. Wechsler, Landrabbiner in Oldenburg. Oldenburg, 1846. Wechsler ist ein Mann, der sich im wahren Sinne des Wortes auf die Höhe der Zeit gestellt hat, und dessen ganzes Wesen von Humanität durchdrungen ist. Er bringt überall eine allgemeine Anschauung mit, die noch dazu nicht theoretisch starr ist, sondern dem Praktischen warm und liebevoll sich zuwendet. Die vorliegende kleine Schrift giebt davon Zeugniß, und da sie zwar die Zustände nur eines kleinen Staates, darin wenige, kleine jüdische Gemeinden sich befinden — die Gesammtzahl der oldenburger Israeliten ist circa 800 — schildert, aber im ganzen deutschen Vaterlande unzählige solcher kleinen Gemeinden vorhanden sind, deren Verhältnisse völlig gleich sind: so ist das Schriftchen überall lesenswerth. Wir finden in demselben hier und da Schlagwörter, die sehr gut gesagt sind. So spricht er in der Vorrede aus: „Roch ist die Schule eine Zwittergestalt, von der man nicht weiß oder nicht wissen will, zu welcher Gattung von Anstalten man sie zählen soll. Der Staat schiebt sie der Gemeinde, die Gemeinde schiebt sie der Konfession, die Konfession schiebt sie den Eltern zu, so lange es sich um ihre Existenz handelt. Handelt eS sich um ihre innere Organisation, um ihre Leistungen, um die Gegenstände, welche in derselben und in welcher Ausdehnung sie gelehrt werden sollen, dann kehrt sich der Streit um; die Gemeinde will den Eltern, die Konfession und die Konfessionsbehörden wollen der Gemeinde das Heft der Herrschaft und der Anordnung entwinden." — „Von der Gemeinde, von den Eltern empfängt die Schule die Brosamen des dürftigen Unterhaltes und sott dafür ihre Bücklinge machen gegen Jedermann. Von den Behörden, von den Schulvorständen, von der Kirche sind die Lehrer eingesetzt und abhängig und sollen natürlich dieser Abhängigkeit Wort haben und sich in Gunst erhalten. Kann es da zu einer Selbstständigkeit und zu einem Bewußtsein des innern Werthes kommen?" — Die Schilderung, die der Verf. vom jüdischen Schulwesen macht, ist folgende: „Es befinden sich im hiesigen Lande neun israelitische Gemeinden mit eigenen Kirchen und Schulen, wovon jedoch zur Zeit zwei keine Kirchen haben und eine keine Schule. Wenn ich von Gemeinden rede, so bitte ich Sie, den kleinsten Maßstab, den Sie finden können, an diesen Diminutiv-Gemeindenanzulegen. Nur eine, die Gemeinde in Jever, zählt an 24 Familien, sodann zwei, die zu Oldenburg und zu Varel 16 und 14 Familien, die übrigen theils 8, theils 6 und sogar nur 5. Der Vermögensstand dieser Gemeinden hält durchschnittlich die Mitte zwischen Reichthum und Dürftigkeit; sie haben aber sämmtlich keine Fonds, manche sogar Schulden. Daß es solchen Gemeinden schwer wird und Opfer kostet, eigene Schulen und Kirchen zu unterhalten, versteht sich von selbst. Dennoch geschieht es. Es versteht sich aber auch von selbst, daß solche Schulen nur mit Mühe und Anstrengung der Zeit nachhinken können und an Lehrmitteln wie an Lehrkräften weit unter dem Niveau gut ausgeflatteter Schulen in der Regel stehen. Wo Alles und Jedes aus dem Säckel Weniger bestritten werden muß, wo jede geistige Regung und Bewegung zugleich einen empfindlichen Stoß im materiellen Leben hervorbringt, da parirt man den Stoß, so lange man irgend kann, da hat auch die Schule mit ihren immer neuen Bedürfnissen einen harten Stand. Dennoch finden wir sie im Ganzen besser dotirt und versorgt als sich erwarten ließe. Die Betheiligten, ganz auf sich selbst angewiseen und ohne Aussicht auf anderweitige Unterstützung, wissen, daß sie namhafte Opfer bringen müssen und bringen sie auch. Die Selbstständigkeit der Gemeinden und das Bewußtsein, das jede sich selbst helfen muß, weckt die Willfährigkeit und spornt zur Anstrengung an, und es bewährt sich auch hier wieder die alte Erfahrung, daß Selbstständigkeit die Mutter der Kraft ist. Zwar — zu einer festen, definitiven Besetzung der Schulstellen ist es bis jetzt nicht ge. kommen und wird es auch bei den meisten Gemeinden so bald nicht kommen. Dazu sind die Verhältnisse zu kleinlich, und zu ungeordnet. Wo der Tod oder die Verarmung eines einzelnen Mitgliedes, wo eine sonstige kleine 28*