Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1846)
- Date
- 1846-07-06
- Page
- Seite 408 (sequence 8)
- Language
- German
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408 Behauptung, wir dürsten alsdann mit dem Verfasser nicht über die Folgen rechten. Die Wahrheit darf gesagt werden, auch wenn sie bitter ist. Prüfen wir daher, ob diese Ansicht nach der heiligen Schrift, ob sie nach der Vernunft sich rechtfertigen lasse. Zch hätte freilich lieber gesehen, wenn Einer unserer gelehrten Theologen sich dieser kleinen Mühe unterzogen hätte; aber diese Männer haben wahrlich Anderes und Besseres zu thun, als solchem Unsinn entgegenzutreten. Daher möchte auch wol einem minder begabten Juden, der sich aber bewußt ist, an Hingebung und Liebe zum Judenthume Keinem nachzustehen, vergönnt sein, jene Behauptung vor den Richterstuhl der Schrift und der Vernunft zu bringen. Wir haben hier nicht einmal zu untersuchen, ob an Christus ein Justizmord begangen wurde oder nicht. Niemand kann uns für die Handlungen der Väter verantwortlich machen. Wir haben nur zu fragen, ob die Väter, wenn sie wirklich sagten: „sein Blut komme über uns und unsere Kinder," ob sie diese Macht über ihre Nachkommen hatten, daß sie ihre Schuld und die verdiente Strafe auf jene bis in's tausendste Geschlecht wälzen konnten. Die heilige Schrift spricht in klaren Worten: „Nicht sterbe der Sohn wegen der Sünde des Vaters." Die Vernunft? Wir überlassen es dem Urtheile eines jeden Denkenden, ob sie es billigen kann, daß ein Mensch für den andern leide. Die Vernunft unseres Verfassers aber, der in demselben Aufsatze bei einer andren Gelegenheit sagt: „Schiedsrichter wird sein die Vernunft," scheint in einem gesunden Schlummer sich zu befinden, so oft seine Vorurtheile sprechen. Vom Standpunkte des Christenthums aus durfte er zumal nicht mit dieser Behauptung hervortreten. Weiß er nicht, daß Christus am Kreuze sagte: Vater vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun? Oder hat der Vater das Gebet des Sohnes nicht erhört? Läßt er lieber den gräßlichen Fluch der Väter auf ihre unschuldigen Nachkommen in Erfüllung gehen, als das Gebet des Sohnes, der diesen Fluch abwenden will? Dann sagt wenigstens nicht mehr, daß ihr Gott als den Gott der Liebe erkennet, während alle anderen Religionen ihn als den erhaben thronenden strengen Richter darstellten! Auch diese Behauptung hat nämlich der Verfasser daselbst S. 247 wieder ausgetischt, obschon man glauben sollte, es wäre an der Zeit, nicht mehr so ohne Prüfung nachzusagen, was schon längst gründlich widerlegt ist, „Christus allein habe das Verhältniß zu Gott mit dem der Kinder zu ihrem Vater verglichen, wogegen jede andre Religion Gott als den strengen Richter darstelle." Ich glaube freilich einmal im alten Testamente gelesen zu haben: „Ihr seid Kinder dem Herrn eurem Gotte," und: „Du sollst lieben den Herrn deinen Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit aller Kraft," und: „Ich liebe euch, spricht Gott," und: „Wie. der Vater seinen Sohn züchtigt, so züchtigt dich Gott dein Herr," und: „Von Aegypten habe ich meinen Sohn gerufen." Doch es bedarf keiner weitern Aufzählung; der Bibelkundige hat über diese Frage längst entschieden. Zum Schlüsse erlaube ich mir noch eine Frage an den Verfasser zu stellen. Weiß er nicht, daß auch die Katholiken in Rußland verfolgt sind? Kann er uns auch erklären, warum die Vorsehung diese Unterdrückung zuläßt? Etwa weil sie römisch-katholisch, und nicht deutsch-katholisch sind? Oder sollen wir nach des Verfassers Weise sagen, sie büßen die Sünde der Väter im Mittelalter, die Tausende der Religion wegen hinwürgten? Wir sagen dieses nicht, weil es gegen unsre innerste Ueberzeugung wäre; aber rufen möchten wir: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Moses Marx. Oesterreich. Neustadt bei Ujhely, 14. Juni. (Privatmitth.) Bei der jüngst durch die Pesther Zeit, bewirkten Aufregung in der Angelegenheit der ungarischen Israeliten ist es wol an der Zeit, öffentlich die Beweise darzulegen, daß bei Edlen und Volk andere Gesinnungen vorherrschen. Schon hat der edle Graf Zay im Namen der ungarischen Protestanten das Wort für unsere Sache ergriffen (s. No. 26). Ich erlaube mir auch ein Scherflein dazu beizutragen. Herr Nikolaus von Banocry von Rakolus, Gerichtsbeisitzer mehrer Komitate, ein ehrwürdiger Greis von 73 Jahren, hat bei Gelegenheit der Regulirung der Toleranztaxe ein Schreiben an den israelitischen Deputirten, Herrn Elias Schlesinger, gerichtet, in welchem er seine Freude über die gänzliche Aufhebung der Toleranztaxe, deren Namen schon er verurtheilt, bezeugt. Er fährt fort: „Gäbe Gott, daß dieser erste, wichtige Schritt die Väter des Vater-