Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1846)
- Date
- 1846-07-06
- Page
- Seite 407 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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407 ein lebhaftes Interesse für ihre bedrängten Glaubensgenossen zu erwachen, ein Interesse, welches, geschickt geleitet, thatkrästige Wirkung haben konnte, ein Interesse, welches auf eine konzentrirte Gesammtthätigkeit ausging, die, durch die Macht, welche in jeder bedeutenden Bereinigung liegt, und die niemals ein Einzelner, der nicht etwa mit Vollmacht der Gesammtheit versehen ist, zu üben vermag, Wesentliches zu bewirken versprach. Man weiß, daß zu diesem Behufe sich Vereine in Hamburg und Berlin zu bilden begannen. Nun? Mit der Nachricht, daß Sir Moses reisen wolle, mußte Alles in Stocken gerathen. Man mußte still schweigen, denn man hätte nicht wissen können, wie man gerade zu der Zeit den Bemühungen des Sir Moses an Ort und Stelle schaden konnte. Die rechte Zeit ging vorüber. Man beruhigte und beruhigt sich nunmehr mit dem, was Sir Moses ausgerichtet. Das Geheimniß, mit welchem Sir Moses seine Reise bekleidet und bekleiden muß, steht allen anderweitigen Bemühungen wie eine verschlossene Pforte gegenüber. Das heilige Feuer ist erloschen; die eben auslodernde Glut vom Räderstaub des Reisewagens des Sir Moses erdrückt. Es steht schlimmer als zuvor, denn das einzige Hülfsmittel ist vergeudet. Kreuznach, 19. Juni. (Privatmitth.) Eben kommt mir das Februar-Heft der Monatsschrift für katholische Kirchenreform, herausgegeben von Anton Mauritius Müller, zu Gesichte, und ich finde zu meinem größten Staunen auch hier wieder den Judenhaß in seiner erbärmlichsten Gestalt. Dürfen wir Juden uns auch nimmer der Hoffnung hingeben, daß alle helldenkenden, freisinnigen Männer, die nach Licht und Wahrheit ringen, auch die Vorurtheile gegen Juden und Judenthum oblegen, haben wir auch an Rottek, an Paulus Beweise vom Gegentheil, so war dennoch zu erwarten, daß die Verfechter der neukatholischen Kirche sich von jedem Fanatismus lossagen werden. Sie, die in Opposition mit dem gegenwärtig Bestehenden, sich eine neue Kirche nach ihrer Ueberzeugung gründen wollen, sollten auch die Ueberzeugung einer jeden andern Genossenschaft ehren; sie, die vom Fanatismus so Manches zu befürchten haben, sollten denselben wenigstens aus ihrem Innern bannen, sollten beherzigen, daß dieser Feind der Menschheit, wenn er einmal aus dem Reiche der Finsterniß herbeschworen wird, die Grenze überschreiten und in den eigenen Gemarken wüthen kann. Doch zur Sache! Es befindet sich dort Seite 244 ein Aussatz mit der Ueberschrift: Einige Beweise für die Göttlichkeit Christi und seiner Lehre. Die Beweise selbst haben wir natürlich hier nicht zu prüfen; uns genügt hier die Art und Weise zu besprechen, wie der Juden in diesem Aufsatze Erwähnung geschieht. Nachdem uns nämlich der Verfasser erzählt, wie diese im Mittelalter die schrecklichsten Verfolgungen erlitten, fährt er also fort: „Nun, die höhere Zivilisation der jetzigen Zeit hat diese traurigen Zustände der Juden einigermaßen gemildert. Sehen wir jedoch wiederum die barbarischen Unterdrückungen, die die Juden neuerdings in Rußland erleiden, jo müssen wir unwillkührlich ausrufen: Wahrlich, auf diesem Volke liegt ein nie zu vertilgender Fluch, der Fluch, den sie selbst auf ihre Häupter beschworen, als sie zu Pilatus ausriefen: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!" Ich mußte nun zwar das Gerede von dem ewigen Fluche, den die Väter auf der Nachkommen Häupter beschworen hätten und von den immerwährenden Nachwirkungen dieses Fluches schon oft hören; aber doch immer nur von Unwissenden, mit welchen man schon einige Nachsicht haben muß, weil sie nicht wissen, was sie thun und was sie sprechen. Aber diese Behauptung in einer Zeitschrift ausgesprochen, die den Namen Mauritius Müller an ihrer Spitze hat, verdient dieses Namens wegen Widerlegung. Es ist allerdings möglich, daß der Verfasser es so schlimm nicht meint, daß er die Verfolgungen, die er selbst barbarisch nennt, gerade nicht billigt, und sie nur in seinem frommen Eifer als Strafe über die Kreuzigung Christi, und mittelbar als Beweise für die Wahrheit der Lehre Christi (das muß übrigens eine schöne Lehre sein, die zum Beweise ihrer Wahrheit der Unterdrückung bedarf) gelten lassen will. Hat er aber auch über die Folgen dieser fürchterlichen Behauptung nachgedacht? Weiß er nicht, daß, wenn die Unterdrückung der Juden zwar nicht gebilligt, doch als nothwendig dargestellt wird, daß hiermit dem Fanatismus Thor und Thüre geöffnet wird? Weiß er nicht, wie so mancher blinde Eiferer sich gern zum Werkzeuge der ewigen Gerechtigkeit machen möchte? Wie so mancher Bösewicht seine Verfolgungssucht unter dem Namen der Religion heiligen möchte? Doch wäre Wahrheit in jener