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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-06-29 · Heft 27 (29.6.1846) · p. Seite 397

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 27 (29.6.1846)
Date
1846-06-29
Page
Seite 397 (sequence 9)
Language
German
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397 Herzlichkeit ausgenommen. Die Juden Ln der Provence bereiteten dem ärmlich aussehendcn Gast einen Triumphzug. Ein eben so großer Triumph für die Feiernden, als den Gefeierten! Wir erblicken hierin wiederum jenen schönen eigenthümlichen Zug, der das jüdische Kulturleben auszeichnet, indem mit der größten Uneigennützigkeit dem Verdienste die Huldigung nicht vorenthalten wird, wo dieses auch Ln noch so widerstehendem, unangenehmen Aeußern sich antreffen läßt. Mit einer ausgebreiteten Talmudgelehrsamkeit vereinigte Ebn Esra den Sinn des Wissens seiner Zeit. Freiheit und Gesundheit des Unheils, ein entschiedenes Abwehren alles Aeußerlichen in der Erklärung des Schriftsiunes lassen Ln ihm das philosophisch Lurchgebildete Genie nicht verkennen. In der Vorrede zu seinem Bibelkommentar, den Matmonides, wie alle seine Schriften, als besonders geisterhellend empfiehlt, spricht er über die Gesichtspunkte, nach welchen der Forscher Ln der heiligen Schrift zu erklären habe und giebt eine Geschichte der früheren Kommentare, ihre Mangelhaftigkeit bloßstellend. So rügt er die Verkehrtheit derer, welche alle gelehrten Stoffe heranziehen, wenn nur ein Anknüpfungspunkt sich darbietet, und die ein von ungefähr hingeworfeues Wort wie einen Nagel ansehen, an den sie ihren Wust und allerhand Gelehrtenkrämereien anhängen. Hierauf charakterisirt er seine eigne Erklärungsweise und hebt hervor, daß er genau jedes einzelne Wort, das Schwierigkeiten darbiete, erörtern und seine Bedeutung feststellen, aber nicht aufAeußerlichkeiten eingehen werde, wo es aukomme, den Sinn richtig zu verstehen u. s.w. Sein Ausdruck ist dunkel, oft räthselhaft, aber immer sinnvoll. Seine Darstellung belebt ein feiner Witz, und schöne, treffende Beispiele geben seiner Rede einen vorzüglichen Reiz. Ueberall zeigt sich eine tiefe Sprachkenntniß. — Als Dichter bereicherte er die spanische Liturgie mit trefflichen Gebeten, die einen edeln, wenn auch weniger schwunghaften Charakter haben. Ein solches Gedicht ward zur Probe in schönen deutschen Versen vorgelesen. Merkwürdig bleibt es, daß dieser Mann trotz seines erleuchteten Verstandes in dem Aberglauben seiner Zeit an die Astrologie mitbefangen war. — R. Mose ben Maimon (Rambam) geboren 1136 zu Kordua, folgte in der Betrachtung. Früh eingeweiht in die Kultur, sprach der Redner, stand er in häufigem Verkehr mit den Gelehrten seines Vaterlandes, die sich der größten Berühmtheit erfreuten. Eine Verfolgung gegen Juden und Christen, nöthigte ihn flüchtig zu werden, und nach mannichfacheu Erlebnissen fand er in Aegypten bei Saladin, der ihn zum Leibärzte erhob, eine Freistätte und die Gelegenheit für seine einflußreiche Wirksamkeit. Wenn Jehuda Hallevi dem religiösen Gemüthe seinen Anspruch zu befriedigen gesucht in dem philosophischen Gespräche des Buches Kosri; Ebn Esra philosophisch die Schrift erläuterte, so trat Maimouides nunmehr als planmäßiger Begründer des Philofophirens über Religion auf. Die große Aufgabe, die er sich stellte, war, die Religion mit der Philosophie zu versöhnen. — Der Mangel an Ordnung ist dem philosophischen Geiste unerträglich. Darum schritt er zunächst an das Ordnen der planlos zusammengeworfenen Materie des Talmuds und verschaffte zugleich dem religiösen Bedürfnisse ein übersichtliches Werk in dem Buche Jad. Den unsystematischen Stoff suchte er in eine systematische Form zu bringen und die allgemeinen leitenden Grundsätze aller Gebote und Verbote herauszustellen. — Zum Beschluß der Vorlesung las der Redner einen Brief an R. Samuel Ebn Tibbon, den Uebersetzer des Moreh vor, der die vielseitige Thätigkeit des MaimonideS als Arzt, Mensch und Jude vollständig charakterisirte. R. Samuel hatte ihm seinen Vorsatz geschrieben, ihn zu besuchen, um persönlich recht viel mit ihm verkehren zu können. Hierauf antwortete Maimonides. Er müsse täglich den Sultan besuchen, um sich nach seinem, seiner Frauen und Kinder Befinden zu erkundigen, und so oft es nöthig sei, Hülfe zu leisten; beim Rachhausekommen finde er so viel Kranke vor, daß ihm kaum Zeit zum Essen bleibe. Am Sabbat kämen die Mitglieder der Gemeinde in sein Haus, um mit ihm über Religionsangelegenheiten zu sprechen. Er freute sich daher zwar auf den Besuch seines Freundes, dürfe aber nicht hoffen, Muße zu finden, um viel mit ihm verkehren zu können rc. — Den Anfang der 11. Vorlesung machte eine Charakteristik des Moreh Nebuchim. Die Idee, welche diesem seinem Hauptwerke zu Grunde liegt, ist, das Judenthum mit der Philosophie zu versöhnen und in Einklang zu bringen. Dies spricht er in der Einleitung deutlich aus. Er habe, sagt er, für denjenigen geschrieben, der am Worte Gottes hänget und den der eigentliche Wortsinn der heiligen Schrift in die Enge treibt, weil er die philosophische Bildung sich angeeignet. Wenn er nämlich das Gesagte wörtlich nimmt, so geräth er mir der Philosophie in Widerspruch; hält er aber fest an den Ideen der Philosophie, so muß er an der Wahrheit der Schrift irre werden. Diese Bedrängniß zwischen dem Denker und Gläubigen habe er durch eine vernunftgemäße Auslegung des Bibelwortes, besonders der anthropomorphistischen Bezeichnungen Gottes, zu beseitigen ge- 27*

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