Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 26 (22.6.1846)
- Date
- 1846-06-22
- Page
- Seite 385 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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385 desto schneller wird ihr Separationsgeist verschwinden, der bis jetzt das Haupthinderniß jener gewünschten Vereinigung war. Dann wird der Jude verschwinden und blos der Bürger der mosaischen Religion wird dastehen, um einen ewigen Bund mit seinen übrigen Bürgergenoffen zu schließen. Die Evangelischen Ungarns sind mit denen nicht einverstanden die behaupten, „daß die statistischen Angaben die Verderbtheit der Juden, zumal ihrer unteren Klassen hinreichend beweisen, so daß in jetziger Zeit von einer voükommnen Emanzipation auch nur zu träumen eine Ungereimtheit wäre;" — und zwar darum nicht, weil sie in dieser Hinsicht die Ansicht des Redakteurs der Preßburger Zeitung theilend, folgendes von ihm aufgestellte Bild für sehr treffend erachten: „wenn irgend ein Kind in einen Käsig geschlossen und ihm die nöthige Nahrung und Wissenschaft gereicht wird, und es dann dennoch als ein verkrüppeltes Wesen daraus hervorkriecht, war nicht die Erziehung sondern der enge Käsig die Ursache." Die Evangelischen Ungarns können mit jenen nicht übereinstimmen die behaupten: „daß die Juden in Folge der Einbürgerung das Land überschwemmen, unser Gemeinwesen untergraben und die ungarische Nationalität gefährden würden;" — und sie sind darum mit ihnen nicht einverstanden, denn, wenn die Tartaren- und Türkenzerstörungen und die hundertjährigen gegen unsere Konstitution gerichteten Bemühungen vieler anderen mit geistiger und materieller Macht bewaffneten Elemente erfolglos blieben, wird wahrlich auch durch die Einwanderung einiger tausend Juden weder unser Staat noch unsre Nationalität gefährdet werden. Uebrigens ist eine Gefährdung unsrer Nationalität von Seiten der Juden um so weniger zu befürchten, da sie von ihrer Anschmiegung an unsre Nationalität täglich rühmlichere, die übrigen Landesbürger zur Nachahmung aufmunternde Beispiele geben. Dies sind meine Ansichten so wie die — ich bin es überzeugt — von neun Zehntheilen meiner Glaubensgenossen, welche ich mit einem an unsere Mitbürger von jeder Klasse, Sprache und Religion freundlichst gerichteten Aufruf beschließe: laßt uns unseren armen Mitmenschen, die, ihres Vaterlandes und ihrer Selbstständigkeit beraubt, auf dem Erdrunde zerstreut im Elend ihr Leben fristen, laßt uns diesen helfen; die Nächstenliebe schwebe nicht nur auf unseren Lippen, sondern cs öffne sich auch unser Herz derselben; damit sie nicht mehr in dem Christenthum die Religion der Unduldsamkeit, sondernden Glauben der Liebe erblicken mögen; und dann wird sie Dankbarkeit und ihr eignes Interesse mit ewigen Banden der Treue an unser gemeinschaftliches Vaterland ketten, und aus dem Grabe der Unterdrückung wird sich der die Stirne der Gesetzgeber zierende und verherrlichende Ruhmeskranz entfalten!" So weit der edle Graf, dem wir hiemit den herzinnigsten Dank für seine edle und offne Sprache wie für seine menschenfreundlichen Ansichten von uns sagen wollen. Und erlauben Sic mir, geehrter Herr Redakteur, im Vorbeigehen eine schon oft und vielfach aufgeworfene Frage, die auch Ihnen vielleicht beim Lesen dieses Artikels auffallen mag, flüchtig zu beantworten, indem ich's mir Vorbehalte, nächstens ausführlicher darauf zurückzukommen. Es ist die: Warum die Juden die liberale Presse Ungarns nicht zur Verfechtung ihrer Rechte, zur Besprechung der Emanzipationssrage benützen? Der Judenhaß als angebornes und unbesiegliches Vorurtheil war in Ungarn nie heimisch und die kleinen Spuren desselben sind in den letzten Dezennien beim ersten Hereinbrechen der Aufklärung spurlos gewichen. Was heute der Emanzipation entgegensteht ist kalte Berechnung der Engherzigkeit, die sich durch die Emanzipation der Juden und die dadurch herbeigeführte Konkurrenz derselben da oder dort beeinträchtigt sieht. Darum ist auch der Adel nicht gegen die Emanzipation, weil er mit dem Juden viel zu wenig in Berührung kömmt, um durch eine Veränderung seiner Verhältnisse zu leiden; der Bauer nicht, weil er nie über dem Juden stand und er also wenigstens von jeher ihn sich gleich achtetet. Gegen diese stemmt sich aber hauptsächlich der Bürgerstand in den Städten, der sich durch die Einbürgerung der Juden allerdings in mancher Beziehung beeinträchtigt sieht. Der Bürgerstand ist aber größtentheils deutsch, liest nur deutsche Blätter und Zeitschriften, und man müßte daher um auf ihn zu wirken, sich der deutschen Zeitorgane bedienen. Nun haben aber diese durchaus nicht die freie Zensur, deren sich ihre ungarischen Schwestern erfreuen, und wird ihnen sogar oft heute gestrichen, was sie aus dem gestrigen ungarischen Blatte wörtlich abgeschrieben. Auch giebt es in ganz