Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 25 (15.6.1846)
- Date
- 1846-06-15
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225469--07813-3238593- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
370 Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen in unserm Königreiche bestehenden Gesetzgebung zeitgemäß und ein Bedürfniß sei, in reife Erwägung nehmen zu lassen." Also ist noch die Frage „ob" und wenn welche Abänderungen getroffen werden sollen, ja nicht einmal die in früheren Abschieden beigefügte Verheißung, dem nächsten Landtag ein Gesetz vorlegen lassen zu wollen, wurde beliebt! Hatte ich also nun recht, als ich beim Beginn des Landtags aussprach, meine Hoffnungen auf Erfolg seien gering? Nur zu wahr zeigte sich meine Vorhersagung, zu bitter wurden die getäuscht, welche Großes für uns erwarteten. Es ist aber wahrlich nicht die Freude des Siegs über den Gegner, welche aus mir spricht, es ist das bittere Gefühl deS Israeliten, des Familienvaters, des Vaterlandsfreundes. Doch lassen wir den Muth nicht sinken! Vertrauen wir der Gerechtigkeit unsrer Sache, der Zukunft. Erneuern wir bei dem künftigen Landtag unsere Beschwerden und vergessen wir das Wort des Dichters nicht: „Dulden ist unsre Losung!" Kr. Oesterreich. Teplitz, 2. Juni. (Privatmitth.) Am zweiten Tage des Wochenfestes wurde in hiesiger Synagoge der Gottesdienst noch wie sonst abgehalten, weil die Behörden sich hierüber noch nicht ausgesprochen haben. Pesth, 15. Mai. (Privatmitth.) Wer die „Pesther Zeitung" nur einige Male zur Hand genommen, bedurfte keines besondern Scharfblickes um zu erkennen, daß Herr Glatz, Redakteur derselben, die judenfeindliche Tendenz sich zur Aufgabe gestellt. So liest man auch No. 235 unter der Rubrik „pestherofner Tagesberichte": „In der Walzmühle wurde aus Verlangen der israelitischen Gemeinde ein Koscherkasten aufgestellt, daraus das Mehl abrinnt, auch soll das Mehl auf Separatwagcn abgeführt werden. Man wird uns wieder der Abneigung gegen das alte Testament beschuldigen, aber die Wahrheit gilt uns mehr als Privatmeinungcn, und wir fragen, ob dieses Separationssystem geeignet sei, das von der Vernunft und Aufklärung geforderte Verschmelzen aller Religionsparteien zu beschleunigen?" Daß es doch Sonntagskinder von Redakteuren gibt, die einen unversiegbaren Born interessanrer Tagesberichte in sich selber tragen, und nur ihr hohes Haupt schütteln dürfen und siehe — ein Tagesbericht, geharnischt und gewaffnet, wie die Kriegsgöttin aus Jupiters Haupte! Solch fabelhaften Ursprunges ist auch dieser, den wir soeben Herrn Glatz erzählen hörten. Die hiesige Gemeinde hätte einen separaten Koscherkasten in der hiesigen Walzmühle? Das ist — Lüge! Mehr noch, es ist absurd; die Tausende von Weißbroden, die hier täglich von Israeliten verspeist werden, haben etwa die Bäcker das dazu erforderliche Mehl aus dem singirten Koscherkasten genommen? Wahrlich, Herr Redakteur der P.Z., der Angriff des Ritters von der traurigen Gestalt auf jene Windmühle war nicht objektloser als der Ihrige auf diese Walzmühle. Oder sollte vielleicht hiemit der bei den Israeliten übliche Gebrauch gemeint sein, bei dem für die Osterbrode *) zu bereitenden Mehle Vorsicht zu gebrauchen vor etwaigem Hinzukommen gesäuerten Brodes? In diesem Falle aber, was hat dieser Gebrauch mit dem Separationssystem gemein?**) Da es doch nicht auf das Separiren vom Nichtjuden, sondern auf das. Verhüten des eigenen Brodes sowol als des fremden abgesehen ist, und selbst dies sich nur auf die kurze Dauer weniger Tage erstreckt! Freilich reicht hiezu die Logik eines Kindes aus; darum hat aber auch der Herr Redakteur der P. Z. jede Beziehung auf Ostern weislich verschwiegen, wohl wissend, daß das in den jüdischen Gebräuchen natürlicherweise nicht unterrichtete Lesepublikum das ergötzliche Histörchen in der lügenhaften Gestalt hinnimmt, wie es gegeben wird, und so absurd es auch sein mag, das Losungs- *) Und es dürfte nicht anffallen, wie doch ein, in einiger Zeit vor Ostern sich Ereignetes, unter heutigem Tato als „Tagesbericht" erscheint; es kann ja verspätet sein, wie gewöhnlich die judenbezüglichen Berichte der P. Zda sie doch fast alle aus dem 12. Jahrhundert datirt sind. Anmerk, des Ref. **) Mag dieser oder jener diese herkömmliche Observaiij eine übertriebene, allzuskrupulöse nennen — aber separatistisch ist sie ja nicht, also nur die Sache religiöser, und nicht politischer Erörterung. Und ferner, wenn es etwa nicht ursprünglich in der Idee Mosis lag, daß man mit ängstlicher Mikrologie des Guten zuviel thue, so lagen doch aber gehässige Insinuationen und verleumderische Diffamationen gewiß noch weniger in der Idee des Stifters einer „Religion der Liebe!" Anmerk. des Ref.