Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 25 (15.6.1846)
- Date
- 1846-06-15
- Page
- Seite 369 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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svv schon ein Zeichen des Fortschritts, daß man sich ohne unpopulär zu werden, der Sache der Juden annehmen durste, so war dies auch noch in geschäftlicher Hinsicht förderlich, weil die Anträge der Ständemitglieder einem andern Ausschuß zugewiesen werden, als die der Privaten. Aber alle diese Herren verwahrten sich gleich von vornherein, als wollten sie eine völlige Emanzipation der Juden, ja es fielen sogar unerwartet Ausfälle auf neuere Bestrebungen unter den Männern, von welchen man sie nicht erwartet hatte. Nach fast fünf Monaten kommt die Angelegenheit auf die Tagesordnung. Das Referat des Herrn von Gumpenberg enthält zwar viel Schönes und Erfreuliches, aber wir konnten gleich jenen Enthusiasmus nicht theilen, welcher sich bei seinem Erscheinen so vieler Gemüther bemächtigte. Nach dem Uriheile unsrer Koryphäen in der Emanzipationsliteratur sehen wir unsre Sache als eine Sache des Rechts und der Humanität an; wir räumen ihr daher keine religiösen Konzessionen ein, noch weniger aber wollen wir uns nochmals unter die Zuchtruthe nehmen laffen und der Willkür der Polizei preisgegeben sehen. Der Referent spricht aber aus, daß er nicht von philantropischen Grundsätzen ausgegangen, er hält die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag für ausgemacht und redet neuen Ausnahmsgesetzen das Wort. Wohlthuend ist das Geständniß desselben, durch das Durchgehen der einschlägigen Literatur sei seine Theilnahme für die Sache immer mehr gewachsen. Das ist ja das schöne Zeichen unsrer guten Sache und das Symptom ihrer innern Wahrheit, daß sobald man sich ernstlich mit ihr befaßt, Kopf und Herz ihr gewonnen werden. In der 49. öffentlichen Sitzung, in welcher 12 Redner zugleich das Wort verlangten, ward viel Schönes aber auch viel Gehässiges vorgetragen. Herr Dekan Götz aus Ansbach, Herr Dekan Bauer aus Bamberg, Herr Dekan Würth aus Leizheim, also die hervorragendsten Vertreter der protestantischen Kirche waren für uns. Ersterer, obgleich nicht für eine völlige Emanzipation, sprach am Schluffe seiner Rede den Wunsch aus, man möge auf die, welche bittend und klagend zu uns gekommen, nicht neue Schmach häufen. Minder günstig zeigte sich uns die katholische Geistlichkeit, gewiß ein wichtiger Fingerzeig für den Erfolg der ganzen Sache. Warm, kräftig, abwehrend und vertheidigend sprachen die HH. von Lerchenseldt, Schnetzer (für völlige Emanzipation), von Closen, Leipold, auch Schwindel u. A. Die Namen unsrer Gegner verdienen nicht von uns ausgezeichnet zu werden. Nur einen, den bittersten und gefährlichsten, den Vertreter der Intelligenz, der Universität in München, den Herrn Professor Döllinger will ich nennen, nicht zur Widerlegung seiner Vorbringungen, nicht zur Vertheidigung unserer von ihm angegriffenen Rabbiner, sondern um die Besseren unter unseren „Frommen" aufmerksam zu machen, was sie von diesen angeblichen Vertheidigern des Judenthums zu erwarten haben. Herr Professor Döllinger hat so eben aus Dessauer's Geschichte der Israeliten (den er dabei gnädigst zum Rabbiner in Baiern befördert) ersehen, daß in der Judenheit Spaltungen eingetreten (in der Christenheit giebt es bekanntlich keine) und von einer absonderlichen Zärtlichkeit für das Judenthum ergriffen, fürchtet er eine Zersetzung desselben durch weitere eingeräumte Staatsbürgerrechte und schließt mit einer Modifikation, wonach die Juden in Pausch und Bogen zu Betrügern gestempelt werden, gegen die die künftige Gesetzgebung durch neue Ausnahmsgesetze vorkchren muß. Vergeblich erinnerte man an den christlichen Wucher. Die Modifikation des Herrn von Closen, Gesetze wider den Wucher überhaupt zu erlassen, ward nicht angenommen, dagegen die des Herrn Professors Döllinger in den zweiten Antrag ausgenommen. Seht ihr also, ihr „Frommen", was diese Herren mit ihrer erheuchelten Liebe für das Judenthum wollen? Halten wir uns dabei nicht länger auf. — Und was will man mit den drei Anträgen?*) Ich glaube bei der großen Mehrheit der Abgeordneten, wie dies auch mehrmals zugestanden ward, etwa Folgendes: Wir wollen eine Aenderung der Judengesetze, aber wir behalten uns vor, das uns nöthig Scheinende, Beschränkende, Exzeptionelle jedem Paragraph des künftigen Gesetzes seiner Zeit beizusügen, materiell« Vorlheile aber wollen wir auch nur wenige einräumen. Dies bezeugt namentlich der Antrag 3, welcher einen materiellen Vortheil sogleich einräumend, mit ganz geringer Majorität durchging und als ihm die I. Kammer völlig unerwartet nicht beitrat, ganz fallen gelassen wurde. Und endlich erfolgt der Landtagsabschied. Er besagt: „Wir haben vor, die Frage: Ob und welche Abänderungen der über die *) Die drei Anträge sind bereits in diesen Blättern gegeben. 25*