Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 25 (15.6.1846)
- Date
- 1846-06-15
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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36® Zeitungsnachrichten. Preußen. Berlin, 2. Juni. (Privatmitth.) In einer der letzten Nummern Ihrer Zeitung lese ich die Verdienste unsres Glaubensgenossen Herrn Dr. Wehrend um die Orthopädie rühmlich erwähnt. — Noch ein Mann unter unseren hiesigen Glaubensbrüdern verdient es, mit gerechter Würdigung seiner ausgezeichneten Leistungen in einem einzelnen aber hochwichtigen Zweige derselben Kunst in diesen Spalten genannt zu werden. Es ist dies Herr Dr. Lichtinger, welcher sich der in der Medizin verwahrlosten und freiwillig aufgegcbnen Heilung der Stottergebrechen mit dem größten Erfolge angenommen hat. Er zeigte zum erstenmale mit großer Evidenz die Wichtigkeit der medizinischen Behandlung des Stotterns in der Med. Vereinszeitung für Heilkunde in Preußen (Jahrg. 1844, No. 33, 34 und 35). Noch gegenwärtig nennen sich Schullehrer mit quacksalbcrischer Unverschämrheit Stotterheillehrer, und einer von ihnen schreit ein neu erfundenes Instrument durch alle Zeitungen aus, mir dem er alle Stotternden heil lehren will. Diesem Unsinn gegenüber hat Dr. Lichtinger bewiesen, wie die Fälle des Stotterns so mannigfaltig sind und so ganz verschiedne physiologische oder pathologische Begründung haben können, daß es höchst widersinnig sei, ein Universalmittcl, und das noch dazu in der Pädagogik zu suchen. Selbst wenn, wie man häufig sagt, Gewohnheit und kein physiologischer Fehler die erste Ursache des Uebels, so würde solcher jedesmal eine Folge der Gewohnheit sein, da derselbe ebensowol auf die Thätigkeit, als auch auf die Form und Masse der Organe verändernd wirkt; und gewöhnlich ist erst eine neue Belebung der Fleischfasern, so wie Unterdrückung abnormer Erregungen derselben nöthig, um die Organe unter die Herrschaft des Willens zurückführen zu können. Dies zeigte besonders die letzte seiner zahlreichen, meist erstaunenswerten Heilungen alter eingewurzelter Ucbek. Ein junger Graf litt von Jugend auf bei dem Mangel einer Umbiegung der Unterlippe, die sich mit ihrem äußersten Rande hart an die Zahnreihe anschloß, an einem Stottergebrechen, welches durch das Hervorstrecken der Zunge und die Einschließung einer Quantität Luft zwischen zwei sich bildende taschenähnliche Vertiefungen der Unterlippe bei jedem Sprachversuche verursacht wurde. Nachdem Herr Dr. Lichtinger das Hervorstrecken der Zunge, das die Folge eines Krampfes war, durch Medikamente beseitigt hatte, stellte er ohne Schnitt die Normalität der Unterlippe her; und alle Spuren des Gebrechens sind seitdem verschwunden. Herr Dr. Lichtinger erfreut sich der Anerkennung unserer größten ärztlichen Notabilitäten, eines Wolff, Barez, Eck, Romberg rr., die ihm fortwährend Leidende zur Heilung zuweisen, von denen er Mehrere auf königliche Kosten behandelt. — og Aachen, 24. Mai. (Privatmitth.) Die uns vom Oberrabbiner zugekommene Antwort lautet folgendermaßen: „Mit innigem Vergnügen las ich aus Ihrer verehrlichen Adresse vom 20. vor. Mts., in welcher Sie mich um meine Theilnahme an der zu Breslau stattsindenden Rabbinerversammlung ersuchten, Ihre Liebe zum reinen, geoffenbarten Glauben, Ihre Begeisterung für die Institutionen unsrer väterlichen Religion, Ihre Ueberzeugung von deren ewigen Wahrheiten, und Ihre heißen Wünsche für die Darstellung des Heiligen und Unvergänglichen, welches den Stürmen der Jahrtausende trotzte, in seiner Klarheit, in seinem Glanze. Mit den gefühlvollsten Ausdrücken bezeichneten Sie die auf religiösem Gebiete immer mehr zum Vorscheine kommenden Gegensätze als einen Kampf der Buchstabenvergötterung mit dem verderblichen, alles Ehrwürdige entweihenden Jndifferentismus. Diese Worte haben die Saiten meines Herzens um so mehr gerührt, als gerade diese Kämpfe schon seit Jahren meinen Geist beschäftigten, die Wünsche für die Klarmachung und Sichtung der Glaubenspri»- zipien, der Pflichtenlehre und der Zeremonialgefetze mein ganzes Wesen erfüllten. Einen Stern sah ich daher vor zwei Jahren am Horizonte des Judenthums aufsteigen, ich begrüßte ihn als den Verkünder des künftigen Heils, als den Friedensstifter im Hause Israels. Der ersten Rabbmerversammlung zu Brauaschweig, die mir als ein solcher entgegenleuchtete, schloß ich mich mit Wärme und mancher Aufopferung an; sie schien mir ganz geeignet, die Ruhe in das Gemüth eines jeden Einzelnen und die Versöhnung in den Schoost der Gemeinden zurückzuführen, »veil ich mir dachte, daß die Tradition durch die Wissenschaft glänzender hervor-