Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 24 (8.6.1846)
- Date
- 1846-06-08
- Page
- Seite 356 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Handlungen von Gott nicht abhängig sei, da er keinen freien Willen habe, wenn er nach der göttlichen Vorausbesiimmung handeln müsse. Dann aber hätte er den Herrn nicht seinen Triumph vorausverkünden lassen sollen; er hätte nicht anschaulich zeigen dürfen, daß Mephistopheles die Menschen besser kenne, als ihr Schöpfer, der seinen Knecht nicht zu beurtheilen wisse, indem er jenen von Faust sagen läßt: Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben, Der ungebändigt immer vorwärts dringt, Und dessen übereiltes Streben Der Erde Freuden überspringt — Und hält' er sich auch nicht dem Teufel übergeben, Er müßte doch zu Grunde gehn! Hiob geht den Weg der analytischen Forschung, er setzt Gott voraus, und findet ihn, der allein die Quelle des Wissens sei, am Ende der Forschung wieder. In seinem wüthenden Schmerze flucht er dem Tage seiner Geburt, denn, sagt er, ist mein Fleisch von Kupfer, ist meine Kraft von Stein? Allmälig wird er ruhiger und sanfter, denn er ist glücklich in seinem Glauben. Faust schlägt den synthetischen Weg ein, er setzt die höchste Idee nicht voraus, sondern sucht sie erst auf und findet sie nicht. Rach mühevollen Studien kommt er zur trostlosen Einsicht, daß die Menschen nichts wissen können. Er flucht jener höchsten LiebeShuld, der Hoffnung und dem Glauben, denn er ist unglücklich in seinem Richtglauben. Um den Wissensdurst zu stillen, ergiebt er sich der Magie, und wird mit dem Geiste vertraut, der stets verneint. Hiob wird von seiner Frau zur Gotteslästerung gereizt, und von seinen Freunden unaufhörlich mit Vorwürfen überhäuft, abet er behauptet die moralische Kraft. Faust wird von Mephistopheles auf allen Wegen begleitet, und er ergiebt sich ihm willenlos. Vernunft und Wissenschaft verachtet er, das tolle Zauberwesen widersteht ihm, und er wird von Lust zu Lust, von Verbrechen zu Verbrechen geführt. Wenn nun der Dichter uns gezeigt hat, daß die Prüfung durch das Glück nicht so leicht zu erstehen sei, als die Prüfung durch das Unglück, und daß die Willensfreiheit sich in ihrer Kraft nur in dem Menschengeiste äußere, der durch habituelle Sinnlichkeit nicht vom Göttlichen herabgezogen werde, so hat er aber auch mit der höchsten Idee ein sehr gefährliches Spiel der Poesie gewagt. — Von den Büchern wenden wir uns zu dem frischen, thatkräftigen Leben. Als in dem benachbarten Fürstenthum Hohenzollern-Sigmaringen daS Gesetz vom 6. August 1837 in Betreff der staatsbürgerliche« Verhältnisse der Israeliten erschienen war, machte ich in dieser Zeitung aufmerksam, daß dasselbe das württembergische Gesetz vom 25. April 1828 in mancher Beziehung durch seine Milde und Gerechtigkeit beschämt hat. Dieses Gesetz enthält viele Merkmale einer systematischen Opposition gegen die Juden. Wolfgang Menzel, der sich in seinem Literaturblatte gegen die jüdischen Schriftsteller sehr gehässig ausspricht, weil, wie Herr Dr. Riester in seinen jüdischen Briefen nachweist, Börne und Heine aus dem Stamme Juda entsprossen sind, hat dennoch auf dem Landtage von 1836 die Blößen dieses Gesetzes dargestellt. Seine Motion wurde von den Abgeordneten mit beinahe ungetheiltem Beifalle ausgenommen, aber von der Regierung nicht beachtet. (Vergl. Rottecks und Melkers Staatslexikon, Art. Judenschutz.) Die trefflichen Erörterungen auf dem vorjährigen Landtage sind bekannt. Sie scheinen auch in der sigmaringer Abgeordneten-Kammer Anklang gefunden zu haben. Sie wird wieder vom Geiste der Humanität zur Erörterung der Emanzipationsfrage angeregt. Der Präsident derselben, Hofgerichts-Advokat Würth, hat schon, bei der Berathung des Gesetzentwurfes von 1837, vollkommne Emanzipation beantragt, weil er die Beschränkungen für ungerecht und unpolitisch hielt. Nunmehr stellte er einen Antrag auf Erleichterung der Verkehrsverhältniffe der Israeliten, da auf diesem Landtage ein ihre vollkommene Gleichstellung bezweckender Gesetzentwurf nicht mehr vorgelegt werden könne. „Die Erfahrung hat gezeigt," sagte er, „daß sie von den ihnen durch das Gesetz ertheilten staatsbürgerlichen Rechten keinen Mißbrauch gemacht haben, daß sie moralisch und politisch genug gebildet waren, um derselben theilhaftig zu werden, und daß hiedurch nicht die mindeste Störung in dem Staatsorganismus erfolgt ist. Es ist sofort gewiß nicht anzunehmen, daß die Beschränkungen ihrer bürgerlichen Rechte durch ihren moralischen Zustand geboten waren, und es unterliegt wol keinem Zweifel, daß dieselben wett besser weggeblieben wären. Sie sollen daher beseitigt werden, damit die Israeliten erfahren mögen, daß sie von dem durch die Forderungen der Zeit gebotenen Fortschritt nicht ausgeschlossen seien, damit sie sehen mögen, daß die ihnen noch verschlossene Ständeversammlung die Rechte aller Staatsbürger zu wahren sucht, und damit sie sich überzeugen und darin ihre Beruhigung finden mögen, daß die bevorzugte Religion der Christen in Liebe und Duldung sich manifestirt. Die Be-