Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 24 (8.6.1846)
- Date
- 1846-06-08
- Page
- Seite 355 (sequence 11)
- Language
- German
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355 Jugendschriften, ein neues Geschlecht war auferstanden. Sein Herz sehnte sich nach den entschwundenen Seelen, die seine Gesänge mir Bewunderung vernommen hatten; er sehnte sich nach dem stillen, ernsten Geisterreiche, und darum schweifte sein Geist in das Gebier des Unsichtbaren hinüber, wie einst Homeros, von jugendlichem Lebensmuthe beseelt, in der Jliade die blutigen Kämpfe und die gewaltigen Helden besang, im reifern Alter aber, von der Idee der Unsterblichkeit ahnungsvoll ergriffen, seinen Helden Odysseus in die Unterwelt hinabsteigen ließ. Die dramatische Anlage in dem Buche Hiob ist unverkennbar. Der Prolog führt uns, nach einigen einleitenden Worten über die würdige Persönlichkeit Hiobs und seine glücklichen Lebensverhältniffe, in den Himmel ein. Die Engel umstellen den Thron des Herrn, und unter ihnen ist auch der böse Engel. Satan wird als ein Geist vorgestellt, der verneint. Er muß zwar unwillkürlich zugesteheu, daß Hiob die Prüfung durch das Glück mit Erfolg erstanden habe; aber er zweifelt, ob Hiob auch in der Prüfung durch das Unglück ehrenvoll bestehen werde. Satan wird bevollmächtigt, die Leidensprüfung vorzunehmen. Jetzt folgt das Unglück Schlag auf Schlag, aber Hiob wankt nicht. Satan zweifelt noch immer, weil sich Hiob körperlich wohl befinde; darum wird ihm gestattet, ihn auch durch körperliche Qualen zu prüfen. Satan verläßt den Himmel, und Hiob wird von der Elephantiasis überfallen. Jetzt beginnt das Drama, das natürlich nicht nach den Begriffen der abendländischen Dramaturgie beurtheilt werden darf, denn es besteht nicht aus Handlungen, sondern aus Gesprächen zwischen Weisen. Die Freunde vertheidigen den Grundsatz der alten Theodike, daß auf Erden das Gute belohnt und das Böse bestraft werde; folglich müsse er ein Sünder sein. Hiob dagegen stellt den Grundsatz auf, daß der Mensch nichts wissen und ergründen könne. Und die Weisheit! woher kommt sie"? und wo ist die Stätte der Vernunft? Vor den Augen alles Lebens ist verhohlen sie, und vor des Himmels Vogel ist verborgen sie! Unterwelt und Tod, sie sprechen: ihre Kunde hörten wir mit unseren Ohren, Gott nur weiß den Weg zu ihr, ihre Stätte kennt nur Er. Aber zu den Menschen sprach er: siehe! Furcht vor Gott, sie ist die Weisheit, und das Böse meiden ist Vernunft. Die Illusion ist bis zum Schluffe kunstreich erhalten. Die redenden Personen wissen nicht, was im Himmel beschlossen worden ist. Wir aber haben die himmlischen Gespräche belauscht, und möchten gerne den Peinigern des Unglücklichen, die ihn durch ihre Vorwürfe noch mehr quälen, das Mißverständniß erklären. Wir leiden und zürnen mit dem muthvollen Glaubenshetden, bis Gott selbst während eines majestätischen Gewitters erschint, und ferne Allgerechtigkeit zuerst durch das Wort und dann durch die That ausführt. Der griechischen Tragödie liegt die Idee zu Grunde, daß das unabänderliche Schicksal dem Menschen Alles rauben könne, nur nicht seine Tugend. Um aber das Fatum zu rechtfertigen, werden Menschen mit Schwächen und Fehlern dargestellt, so daß sie in Folge ihrer Schuld dem Schicksal unterliegen müssen, wie z. B. König Oedipus von Sophokles, der in der Wuth einen ihm unbekannten Mann, der sein Vater ist, erschlägt. Bei Shakespeare erscheint oft das Schicksal als unerklärbar, ohne daß man mit demselben ausgesöhnt wird, z. B. im König Lear die seelenreine Kordelia ein schreckliches Ende nimmt, wie ihre entmenschten Schwestern. Im Hieb ist zwar auch die Idee vorherrschend, daß das Schicksal dem Menschen Alles rauben könne, nur nicht seine Tugend, aber auch, daß das Verhängniß abänderlich sei, wodurch es sich von selbst erklären läßt. Göthe hat diese Idee aufgefaßt, und führt uns die Prüfung des Menschen durch das Glück vor. Er beginnt gleichfalls mit einem Prolog im Himmel. Der Herr ist umstellt von den himmlischen Heerschaaren. Raphael rühmt die Wunder der Sonne, Gabriel die Pracht der Erde und die Gewalt des Meeres, Michael die Wuth der Stürme und der Blitze. Mephistopheles verhöhnt und tadelt den Menschen, den kleinen Gott der Welt, der seine Vernunft noch immer nicht anzuwenden wisse. Der Herr beruft sich dagegen auf Faust, seinen Knecht, den er, wenn er auch jetzt ihm nur verworren diene, bald in die Klarheit führen werde. Mephistopheles wettet mit dem Herrn, daß dieser ihn verlieren werde, wenn er ihn seine Straße führen dürfe. Der Herr ertheilt ihm diese Erlaubniß, hinzufügend: Und steh' beschämt, wenn du bekennen mußt: Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, Ist sich des rechten Weges wohl bewußt! Hier hat Göthe nicht nur den biblischen Glauben, sondern auch die metaphysische Schule seiner Zeit, welche das Attribut der Allwissenheit anerkannte, verlassen. Hiob siegt, und Satan ist beschämt; aber bei Göthe siegt Mephistopheles, und — der Herr ist beschämt. Vielleicht wollte der Dichter die Kollision, in welche die Lehre von der Willensfreiheit mit der Idee der Allwissenheit kommt, durch die Darstellung beseitigen, daß der Mensch in seinen