Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-06-08 · Heft 24 (8.6.1846) · p. Seite 352

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 24 (8.6.1846)
Date
1846-06-08
Page
Seite 352 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225443-3225468--07794-3238573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

352 ist, daß er der Verfasser eines im vorigen Jahre von dem Pseudonymen „Theodor Bürger" erschienenen Broschüre: „Die Perfektibilität des Mosaismus" sein soll. . . . Der Prozeß schwebt noch, und kann bei der Langsamkeit der ungarischen Justiz noch jahrelang schweben, der Rabbiner enthält (?) sich indessen aller rabbinischen Funktionen, die geistlichen Angelegenheiten der Gemeinde werden verwahrlost und — die Folgen können Sie sich denken.Nach Ketschkemet kam vor 3 Jahren ein junger, wissenschaftlich gebildeter Mann, Namens Ascher, als Rabbiner. Doch war seine Stellung daselbst eine so angenehme, so genuß- und freudenvolle, daß er — eingedenk der rabbinischen Lehre, daß der Zadik nicht zu viel Wonne und Freude auf Erden genießen solle — vor einigen Wochen abdankte (unerhört in der rabbinischen Welt!!) und sich vergangene Woche als Privatier nach Szarvas zurückzog. . . . Was sagen Sie zu diesen sauberen Geschichten, die noch um ein Bedeutendes vermehrt werden könnten? . . . Das ist jedenfalles klar, daß der erst keimende Bildungssame, der sorgfältiger Pflege und Wartung bedarf, unter solchen Parteistreitigkeitcn und unaufhörlichen Wirren unmöglich gedeihen und Früchte treiben könne; daß die Aufklärung — an freundlichen Empfang und zuvorkommende Aufnahme gewöhnt — den Drt fliehen muß, von wo ihr nur Zankgeschrei und greulicher Lärm der Streitenden entgegenschallt; daß heilsame und zeitgemäße Reformen unmöglich in's Leben treten können da, wo dem Leiter derselben sein Wirkungskreis so zuwider gemacht und sein Wirken so beschränkt wird; daß da die Schulen und andere Institute unmöglich gedeihen können, wo dem Direktor derselben — dem Rabbiner — so begegnet und er derart der Verachtung und Geringschätzung der ihm untergeordneten Lehrer und Schüler preisgegeben wird. — An wem die Schuld liegt? Diese Frage wahrheitsgetreu zu beantworten, müßten wir zu sehr aus Persönlichkeiten uns einlassen, was wir gern vermeiden; es genüge: nicht ausschließlich an den Gemeinden! .... Uebrigens werden wissenschaftlich gebildete Rabbiner auch bei uns immer mehr gewünscht; so erhielt jüngst ein tüchtiger Talmudist und zeitgemäß gebildeter Mann, Herr E. Ehrlich, das neugeschaffene Rabbinat zu Lengyel-Toth, und auch Ketskemet sucht in dem ausgeschriebenen Konkurs wieder einen Mann, der nächst einigen Hatorah's philosophische Studien hat, der ungarischen und deutschen Sprache mächtig ist rc. ic. . . . allerdings sehr bescheidene Anforderungen. . . . Sehr erfreulich sind übrigens die Fortschritte, die das Magyarische von Tag zu Tag bei den Juden macht. In Arad und Kanischa sind ungarische Predigten nichts Ungewöhnliches mehr; bei Gelegenheit der diesjährigen Geburtsfeier Sr. Maj. wurde auch zu Lengyel-Toth und zu Altofen ungarisch gepredigt, auch in Pesth im Tempel nach der deutschen Predigt das Volkslied für Erhaltung des Kaisers ungarisch gesungen. . . . Der seit einigen Jahren hier bestehende Verein „zur Verbreitung der ungarischen Sprache unter den Israeliten" hat seine Statuten höhern OrtS zur Sanktion eingereicht, von wo sie auch im Verlaufe des vergangenen Monats, nach einigen Modifikationen, bestätigt herabgelangten. Sie wurden von sammtlichcn größeren ungarischen Journalen in ihrer ganzen Ausdehnung mitgetheilt, nnd ergriffen Alle die Gelegenheit, sich belobend über die Fortschritte der ungarischen Juden in der Nationalsprache auszusprechen, so wie sie auch letzthin bei Gelegenheit der Semestralprüfungen in der israelitischen Normalhauptschule so wie in den verschiedenen Mädchenerzichungsanstaltcn das Vorwalten des ungarischen Elements hervorhoben. . . . Vor mehreren Jahren ließ sich allgemein die Behauptung vernehmen: „die Juden haben in den Jahren 1839 und 40 sich mit solchem Eifer dem Magyarischen zugewendet, weil sie von dem damaligen Landtage schon die gehoffte Emanzipation erwarteten, aber einmal von dieser Hoffnung enttäuscht, werde ihr Eifer bald erkalten." Die Emanzipationshoffnungcn der ungarischen Juden sind seitdem so weit herabgesunken, daß ihr Enthusiasmus wol abgekühlt werden oder auch einfrieren hätte können, ihr Eifer ist aber nicht minder rege als damals und gewinnt die ungarische Sprache immer mehr Terran selbst in den slavischen Gegenden, wo die christliche Bevölkerung, antimagyarisch gesinnt, jede andre fremde Sprache lieber als die ungarische hört. . . . Ueberhaupt schreitet der ungarische Jude in jeder Beziehung, in Literatur, Industrie und Fabrikbegründung, wie in Allem, was zur Hebung des vaterländischen Wohles beitragen kann, sehr rüstig vorwärts, da er trotz dem, daß die Emanzipation noch immer (vielleicht all calendas graecas) hinausgeschoben wird, hier viel mehr Freiheit als in irgend einem österreichischen Staate genießt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.