Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 10 (1846)
- Issue
- Heft 23 (1.6.1846)
- Date
- 1846-06-01
- Page
- Seite 333 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225443-3225467--07774-3238552- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
333 Gouvernements aufhören — und uns wäre gründlich geholfen! Preußen. Posen, 18. Mai. Die gestrige Stadtverordnetenwahl hat wiederum zwei Israeliten, die Herren Königsberger und Kantorowicz, in die Stadtverordnetenversammlung gebracht. Da schon im vorigen Jahre ein Israelit Stadtverordneter geworden, so ist diese neue Erscheinung allen Judenfeinden ein gründlicher Schreck. Neuß, im Mai. Auch hier wurde ein Jude, Herr Philipp Kaufmann, mit namhafter Majorität zum Stadtrath erwählt. Posen, 16. Mai. (V. Z.) Einen erfreulichen Fortgang nimmt die Kolonisations-Angelegenheit der Juden in hiesiger Provinz. Auf allen Seiten regt sich die lebhafteste Theilnahme dafür, und der Andrang ist über alle Erwartungen groß. Es haben sich bis zum 1. Mai schon 1064 Familien zum Landbau gemeldet, darunter nahe an 70 Familien, die Haus, Stallung, lebendes und todtes Jnventarium sich selbst aus eigenen Mitteln Herstellen, und zum Theil bis 100 Thlr. für die Unbemittelten beitragen wollen. Mehr als 500 Familien erboten sich zwischen 2 bis 600 Thlr. einzuzahlen. Bedenkt man, daß die Kolonisten 15 Jahre selbst nach Auszahlung des Gutes über ihr Eigenthum nicht disponiren können, außerdem auch nach den ersten vier Jahren sich keiner christlichen Dienstboten bedienen dürfen, so liefert es einen erfreulichen Beweis von dem Vertrauen, das diese Leute, die doch ihr Letztes diesem Unternehmen opfern, in ihre Thätigkeit setzen, und widerlegt faktisch die ungerechten Vorwürfe der Arbeitsscheu, die man sonst den Juden machte. Der Wunsch nach Arbeit, die Liebe zur Thätigkeit stellt sich auf's Deutlichste heraus. Wie sicher behauptet wird, ist der Zentralverein bereits um Land, das Se. Majestät der König auf seinen Domänen gegen Erbpacht den Juden zu überlassen versprochen hat, eingekommen, und gedenkt schon in diesem Sommer einige Kolonien anzulegen. Eine Kolonie soll immer aus 20 bis 30 Familien bestehen, und von einem erfahrnen Oekonomen geleitet werden; auch ein Gärtner wird ihr zugewiesen, der die Gärten besorgen und die Kolonisten, in Handarbeit, als Korbflechten rc. unterweisen soll. Die Statuten, die den Plan, die Verwaltung, die Anlagen, die Pflichten der Kolonisten und ihre Rechte, so wie die theilweise Amortisation der Vorschüsse, um aus der Einnahme neue Kolonien zu gründen, behandeln, liegen der Bestätigung der hohen Regierung vor. Von Seiten des Herrn Oberpräsidenten v. Beurmann ist dem Verein auch Postfreiheit verschafft worden, so daß alle Einsendungen mit dem Bemerken: „frei, laut Ordre 11. April 1846" unter Kreuz-Kouvert, ohne Weiteres angenommen werden. Auch unter den sich nicht meldenden Juden ist die Theilnahme für das Unternehmen groß, und von vielen Gemeinden sind bereits Zusicherungen zu jährlichen Beiträgen eingegangen, welche bekanntlich von der Regierung bestätigt, und im Etat aufgebracht werden. Von einer ganz kleinen Gemeinde Schmiegel sind, außer den Privatzusicherungen, 60 Thlr. als jährlicher Beitrag im Etat garantirt. In Ostrowo hat sich ein Filial-Komitö gebildet, das außer dem Gemeindebeitrag von 100 Thlr. jährlich von jedem Gemeindemitglied einen bestimmten monatlichen Beitrag sammelt und an den Verein absendet. Ja selbst hochgestellte christliche Beamten haben unaufgefordert Schenkungen gemacht. Wie man hört, wird sich keine Gemeinde ausschließen, zu diesem edeln Unternehmen beizutragen; und nur die Saumseligkeit mancher Vorstände und Repräsentanten-Kollegien verzögert die Beschlüsse, die dann wieder bis zur Bestätigung der hohen Regierung noch zurückgehaiten werden müssen. Breslau, im Mai. (Privatmitth.) In diesen Tagen ist der dritte Bericht über das Wirken des jüdischen Lehr- und Lesevereins allhier erschienen. Der Verein hat seine Thätigkeit insofern erweitert, als er jetzt auch wöchentlich Zeitungen, Monatschriften, Broschüren rc. in's Haus sendet und umtauscht, woran bereits 110 Personen sich betheiligt haben. Vorlesungen hielten im Vereine die vv. Frankolm, Ginsberg, Levy, Munk, Pinoff, Geiger, die Studirendcn Cohn, Friedmann, Landsberger, Ritter, Rosenberg, Stern. Der Kommerzienrath Fränkel sel. hat dem Verein ein festes Lokal geschenkt und ein Kapital im Belauf seines frühern Beitrags. In Gleiwitz und Rawicz sind gleiche Vereine entstanden. Das Budget betrug 1844: 527 Thlr., 1845: 502 Thlr. Ange-