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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1846-06-01 · Heft 23 (1.6.1846) · p. Seite 332

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
10 (1846)
Issue
Heft 23 (1.6.1846)
Date
1846-06-01
Page
Seite 332 (sequence 4)
Language
German
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382 Ihre Worte in ihrer ganzen Bedeutung würdige, dennoch zu erwiedern unternehme. Sie sagen: wir sind uns selbst dem Vaterlande schuldig. Ich frage Sie, was können wir dem Vaterlande leisten? Hat man uns einen Weg offen gelassen, um wesentlich für sein Heil nur irgend wirken zu können? Bestrebt man sich nicht vielmehr, uns ganz und gar zu Parasiten, zu Schmarotzerpflanzen zu machen, die, da man sie mit Gewalt aus dem Organismus des Staates ausscheidet, nur noch von ihm, anstatt Ln ihm leben? Ja, wenn wir die Sache vom höhern Standpunkt betrachten, vermehrt man nicht gewaltsam in den Juden die Zahl der Unzufriedenen im Staate, die in ihrem ganzen Dasein auf eine Veränderung gewiesen sind? So betrachtet, ist es sogar für den Staat, wie er jetzt ist, gut, wenn wir uns entfernen. Ich sehe nirgends ab, wie wir ihm nützen können. — Sie sagen: wir wenden der Mutter den Rücken zu. Ich frage, was sollen wir im Laterhause, wenn die Mutter uns verstößt, uns aus dem Hause weiset? Sollen wir uns auklammern an die Thüre, die vor uns zugeschlagen wird? auf die Schwelle niederwerfen, von der man uns mit Fußtritten stößt? Das gerade wäre feige. Der Mann wird es seiner Würde gemäß finden, das Haus zu verlassen, worin man seinen Aufenthalt unnütz, ja lästig gemacht, und woraus man ihn mit Hohn verweiset. Und nun: ja wol reißen wir uns mit blutendem Herzen los; allerdings werden wir diese geheiligten Stätten niemals vergessen; oft wenn wir am Ufer des weiten Ozeans sitzen werden, wird unser Seufzer hierherfliegen; die Flüsse werden uns au Deutschlands Ströme, die Wälder an Deutschlands Eichen, die Berge an die deutschen Höhen mahnen-wen aber trifft dessen die Schuld? Uns, oder die, welche uns das Vaterland verleiden und unser bürgerliches Leben unmöglich machen? Und sehen Sie, gerade weil wir ja keine bestimmte Aussicht haben, weil hier unsre Zukunft trübe, dort ungewiß ist, wir nimmer verbürgen können, wie es ausfallen werde, und wir nur der Vorsehung Gottes und der bürgerlichen Freiheit, die uns dort erwartet, vertrauen: wird man nimmer sagen können, außer mit der gewöhnlichen Ungerechtigkeit, daß wir unser Vaterland verkauft hätten. Nein, es ist keine Zeit des Kampfes, in welcher wir unser Baierland verlassen. Es ist Friede nach außen, und Frieden im Innern, da man uns als innere Kämpfer ja doch nicht zuläßt." Der Rabbi hatte mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört. Als der Redner vollendet hatte, brach er seufzend jn die Worte auS: „Ja, Ihr seid gerecht, ich habe Nichts dagegen zu erinnern, und „„wohin der Geist treibt, dahin gehen sie."" (Jecheskel.) Die Berathung war nunmehr kurz. Eine Abstimmung konnte nicht stattfinden, da ja Niemand ohne seinen freien Willen Theil nehmen sollte, und brauchte nicht stattzufinden — da sie Alle einstimmig waren. Die Auswanderung ward beschlossen, und der Rabbi fügte zum Schlüsse nur einige Worte des Gebetes hinzu, daß Gott denen verzeihe, die sie fortdrängten, und mit denen sei, die fortgedrängt werden. . . . Zeitungsnachrichten. Rußland. Von der russischen Grenze, im Mai. (Privatmitth.) Man scheint in Bezug auf die Juden eine mildere Praxis eintreten lassen zu wollen, und den tief einschneidenden Gesetzen ihre Schärfe zu nehmen. Die alte Kleidertracht ist den polnischen Juden bis zum 1. Oktober c. gestattet, ohne Besteuerung. Die Schankwirthschaft ist ihnen noch für die Jahre 1846 und 1847 gegönnt. Dies sind allerdings wesentliche Fakta, und zeigt, wenn jene Ukase auch nicht geradezu aufgehoben sind, daß ein milderer Geist in Bezug auf die Juden eingetreten ist. Ob damit das scharf ausgeprägte System nur suspendirt, oder verändert worden, ist die Frage. Doch ist jedenfalls Zeit gewonnen, viel gewonnen. — Sir Moses Montefiore ist auf der Rückreise begriffen. Man kann sich natürlich nicht einbilden, daß die Dazwischenkunft dieses Mannes jene Konzessionen hervorgebracht habe: aber daß daö Erscheinen desselben schon einen bequemen Anknüpfungspunkt dargeboten hat, ist genug und sichert ihm unsterbliches Verdienst. Wer weiß, was Alles zum Propos gekommen! Lasset uns vor Allem die Hand dessen nicht verkennen, welcher den jüdischen Stamm nun bereits vier Jahrtausende dem Untergange in den kritischesten Augenblicken entzogen hat. Jn der Geschichte wie in der Schöpfung ist Alles naturwüchsig, und ein durch so viele Jahrhunderte gesichertes Dasein muß einen höhern Zweck haben, und kann nicht als ein Sreppenfluß in irgend einen Sandboden sich verlieren. — Möchte die drängende Proselytenmacherei unter den jüdischen Soldaten und die enge Versperrung in die Paar

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